Wer genau bin ich?

Dieses Thema im Forum "Depression, Sinnkrise, Unzufriedenheit" wurde erstellt von Sadstatue, 12 Oktober 2016.

  1. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Egal...
     
    Zuletzt bearbeitet: 13 Oktober 2016
  2. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Es gibt Dinge, die ausgesprochen werden müssen

    Liebe SadStatue!

    …ups… Alles wieder gelöscht. Leider warst Du mit dem Löschen schneller als ich mit dem Lesen. Ich weiß also gar nicht, was Du geschrieben hattest. Du wirst bestimmt einen Grund dazu gehabt haben. Dennoch finde ich es schade. Und weißt Du warum? Weil die Überschrift, die Du Deinem Eintrag gegeben hast, so Tiefgründiges vermuten lässt. Ich stelle mir einfach vor, dass da etwas sehr… Ehrliches stand. Etwas sehr Ehrliches über Dich selbst und darüber, wie Du Dich selbst siehst und wahrnimmst. Vielleicht sogar etwas, das einen kleinen Hinweis darauf geben könnte, weshalb Du Dir für dieses Forum ausgerechnet diesen Nick – »SadStatue« – ausgewählt hast. (»Traurige Statue«… Solch ein Name fällt ganz sicher nicht »einfach so« vom Himmel. Dazu gibt es ganz bestimmt eine Geschichte zu erzählen, oder?!)

    Jetzt im Moment steht ja nur noch das eine Wort »egal« dort. Ich glaube aber einfach nicht, dass es »egal« ist, ob Du etwas sagst oder nicht sagst, etwas schreibst oder nicht schreibst. Denn was Du denkst und fühlst und sagst, das ist wichtig. Darauf kommt es an. Und nur Du kannst es in genau jener Weise denken, fühlen und sagen, wie Du es eben tust. Du bist unverwechselbar. Es ist wichtig, dass Du Deine Stimme erhebst. Denn auf Deine Stimme und das, was Du sagen möchtest, kommt es wirklich an!

    Also… Du kannst es Dir ja einfach in Ruhe überlegen, ob es sich nicht vielleicht doch lohnen könnte, Deinen gelöschten Text doch noch einmal neu hier untendrunter einzutragen. (Man kann ja immer nie wissen, auf welche neuen Gedanken man dann kommt, wenn jemand reagiert, zurückschreibt.) Das wäre jedenfalls einmal meine Einladung an Dich.


    Viele herzliche Grüße!
    Achim
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  3. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Achim

    Hallo, Achim...

    Ja, ich hatte wirklich viel geschrieben. Und leider habe ich den Text nicht gespeichert und kann ihn deshalb nicht mehr so wiedergeben, wie ich ihn niedergelegt hatte in diesem Forum.

    Ich versuche mal, es kurz und knapp zu machen...

    Meine Kindheit kann man nicht als total schwierig beschreiben... ich hatte mich nur ziemlich früh in die Internetwelt geflüchtet und noch nie wirklich Freunde, bei denen ich mich fallen lassen konnte.
    Ab der Siebten Klasse in der Schule fing dann bei mir das Problem an, dass ich merkte, dass ich nicht wirklich Anschluss finde und daraufhin entwickelten sich viele Selbstzweifel/Selbsthass und Probleme allgemein im Kontakt aufbauen.
    [Ich habe auch früh angefangen, mich selbst zu verletzen.]
    Meine Familie hatte selbst auch schon immer Probleme mit Geld und Wohnen etc. und als dann Achte/Neunte Klasse der Umzug kam und Wir in einer neuen Behausung wohnten, fingen meine Eltern jeden Abend an, sich zu streiten. Das war für mich eine schreckliche Zeit, ich bin auch einmal dazwischen gesprungen und habe Ihnen gesagt, dass Sie aufhören sollen.
    Dann Zehnte Klasse bin ich mit meiner Mutter zusammen weggezogen. Schule war Scheiße, ich habe geschwänzt bis zum Gehtnichtmehr...
    Immer wenn ich in die Schule kam, haben mich dann meine Mitschüler deswegen angesprochen und auch "geärgert"... weiß nicht, ob das starkes Mobbing war oder nicht, jedoch war es für mich natürlich nicht leicht. Vorallem, da ich halt niemanden zum Reden hatte.
    Meiner Mutter ging es nämlich auch nicht gut, sie hat mich viel angeschimpft und ein Abend davon ist mir besonders im Kopf geblieben. Kann ihn gerne erzählen, wenn es vielleicht von Bedeutung ist, doch in meinem vorigen Text habe ich sie dadurch falsch dastehen lassen.
    Es ist nämlich klar, dass es ihr nicht gut ging. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt und somit viele Schwierigkeiten mit sich selbst und ihrem Empfinden gehabt und ich kann auch verstehen, dass sie dadurch mir nicht die Gefühle geben konnte, die sie mir vielleicht geben wollte.
    Jedoch hat ihr Handeln mich halt auch nicht unterstützt.
    Dann kam meine Mutter mit einem neuen Mann zusammen, mit dem sind Wir dann auch zusammen gezogen und seitdem hält das auch schon vier Jahre.
    Ich verletze mich auch nicht mehr ständig, jedoch geht es mir auch nicht wirklich gut.
    Wie der Titel meines Beitrags sagt: Ich weiß einfach nicht mehr, was für eine Person ich bin.
    Ich habe in der Ausbildung versagt, treibe in einem Meer aus vielen Fragen und Problemen, ziehe mich immer noch in die virtuelle Welt zurück und habe auch keine Kontakte im Ort, die wirklich was mit mir tun.
    Das Wort "Freunde" habe ich abgelegt, da es alle nur "Bekannte" sind, die sich ab und zu mit mir Treffen, wenn sie Lust haben.
    Und da frage ich mich, ob das vielleicht an mir liegt. Doch warum sagen mir dann Internetbekanntschaften, dass ich eine empathische und tolle Person bin? Warum sehe ich das nicht mehr?
    Brauche ich einen Psychologen oder kann ich meine Probleme selbst bewältigen, was mir auch lieber wäre.
    Damals sagten mir auch die Bekannten, die ich in der Schule traf, dass ich eine starke Person sei. Doch ich sehe mich mehr als schwach.
    ... naja, ich kann es gerade nicht weiter beschreiben...
    Doch Achim, ich habe viele Beiträge von Dir gelesen. Und ich habe das Gefühl, dass Du eine sehr empathische und reflektierende Person bist.
    Ist mein Beitrag ausführlich genug? Ich hoffe es...

    Sadstatue
     
  4. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Das Leben fliehen müssen

    Liebe(r) SadStatue!

    Ich war ganz erstaunt, als ich heute sah, dass Du geschrieben hattest, und freue mich sehr, dass Du Dich gemeldet hast, wirklich! Was Du berichtest, ist ja wirklich sehr anschaulich, und ich schreibe einfach einmal so ein wenig daran entlang.

    Gleich bei Deinem ersten Satz musste ich aufmerken. Du sagst da: »Meine Kindheit kann man nicht als total schwierig beschreiben... ich hatte mich nur ziemlich früh in die Internetwelt geflüchtet und noch nie wirklich Freunde, bei denen ich mich fallen lassen konnte.« Wenn Du es Dir recht überlegst: Ist nicht das bereits der Zeitpunkt, an dem »alles« begann? Auch wenn Du sagst, dass sich Deine Kindheit nicht angemessen »als total schwierig beschreiben« lässt, so heißt das ja aber dann doch, dass es durchaus Probleme gab, die Dir nahegegangen sind, nicht? Es war zwar nicht »katastrophal«, aber schwer eben doch. Oder? Woran erinnerst Du Dich? Es muss ja denn doch etwas so Massives, »Starkes« gewesen sein, dass Du keine andere Rettungsmöglichkeit mehr vor dem schweren Alltag und der »Normalität« sehen konntest, als zu fliehen – eben ins Internet. Und weder die Streitereien Deiner Eltern, noch ihre Scheidung, noch das Mobbing in der Schule konnten ja irgendetwas davon abmildern; im Gegenteil: Das alles hat es für Dich ja nur noch schlimmer gemacht. Und dann auch noch niemand zum Reden. Spätestens da musst Du Dich ja vollkommen einsam und an den Rand gedrängt gefühlt haben! –

    Du schreibst nicht, wie lange das inzwischen alles her ist und wie alt Du bist. Aber wenn ich einfach nur bei dem bleibe, was Du über das Heute sagst, dann scheint es mir doch einen gewissen Unterschied zu damals zu geben. Natürlich: Deine abgebrochene Ausbildung, Deine Einsamkeit und vielleicht auch Deine Ratlosigkeit, wohin Dein Weg Dich führen, wie vielleicht überhaupt der nächste Schritt aussehen soll, das alles zehrt sehr an Deiner Energie und nagt an Deinem Selbstwertgefühl. Und ich kann sehr gut verstehen, dass – und wie sehr – Dich das niederdrückt. Nichts daran soll schön- oder kleingeredet werden. Und doch scheint es mir auch zwei kleine Lichter zu geben:
    Zum einen: Die neue Partnerschaft Deiner Mutter hält jetzt schon vier Jahre. Ist das ein Stückchen Stabilität, das Dur gut tut?
    Zum anderen: Du sagst, Du verletzt Dich nicht mehr ständig selbst. Das ist etwas, das ich sehr hoch veranschlage. Das ist etwas sehr Wertvolles – auch dann, wenn Du da vielleicht bisweilen noch Rückschläge erleiden solltest. –

    Jetzt kommt die Stelle, an der Du kurz auf den Titel Deines Eintrags zurückkommst (»Wer genau bin ich?«). Genau schreibst Du ja: »Ich weiß einfach nicht mehr, was für eine Person ich bin.« Da habe ich wieder aufgemerkt. Denn unwillkürlich ließ mich das »nicht mehr« denken, dass Du es früher einmal sehr wohl wusstest, es Dir dann aber… entglitten, verlorengegangen ist. Was meinst Du – wie fühlt es sich für Dich an?

    Und dann, zum Schluss, interessiert mich dieses »Meer aus vielen Fragen und Problemen«. »Meer« – das ist ja eine sehr starke Metapher. »Meer«, das heißt vor allem: »unendlich«. Das ist ja nun sehr auf das Jetzt, auf die Gegenwart bezogen. Würdest Du einfach mal – eine Liste schreiben? Eine, in der alle Fragen und Probleme drinstehen – egal, wie lang sie wird? Dein Meer interessiert mich.


    Viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  5. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    We are a Brainwashed Generation

    Lieber Achim,

    In Bezug auf meine Kindheit kannst Du Recht haben, dass es der Auslöser war.
    Jedoch kann ich es als Person, die dies erlebt hat, nicht so genau beschreiben... ebenso habe ich in meinen bisherigen Zwanzig Jahren von Personen gehört, die eine weit schwierigere Kindheit erlebt haben.

    Und eben deshalb: "Man kann sie nicht als total schwierig beschreiben."
    Meine Eltern haben mich und meinen Bruder damals immer zu sich gerufen und wegen irgendwelchen belanglosen Dingen angeschimpft.
    Vielleicht fehlte mir die Liebe meiner Eltern. Ich weiß es nicht so genau, so vieles habe ich verdrängt...
    Merkmal dabei ist - sie haben Wein getrunken. So ziemlich jeden Abend.
    Heute trinkt meine Mutter eben diesen blöden Rotwein immer noch.

    In der Schule lief es, wie gesagt, eben auch nicht. Grundschule habe ich mir allerdings selber verbockt - ich war eine kleine Zimtzicke.
    Doch ab der Siebten Klasse hat sich das dann abgelegt und ich hatte den kurzen Moment der Reflexion: "Du hast es verbockt."
    Was mich mein Leben lang begleitet, ist das Texteschreiben. Ich habe so viele Texte aus der Zeit, in welcher ich in der Schule hockte, schrieb und schrieb wie eine Schreibmaschine... und mich davor fürchtete, von Mitschülern unterbrochen zu werden.
    Doch irgendwann hatte ich das Gefühl, einfach übersehen zu werden. Ein Nichts zu sein. Ein Fremdkörper, welcher mitten in diesem Raum sitzt.
    Und konnte in Ruhe Text für Text schreiben.

    Und zu dem Heute... ja, es zehrt sehr an meinen Nerven.
    Ich kann mich nicht wirklich entspannen, denke viel zu viel nach, sodass ich Kopfschmerzen bekomme - und schon betäube ich mich wieder mit THC.
    Was mich besonders fertig macht ist, dass einfach jede Person, die Kontakt zu mir aufnimmt, gleich reagiert. Wir schreiben & schon verliert sich der Kontakt wieder. Ich treffe mich auch nurnoch mit einem Bekannten ab und zu mal. Für was? Für's Kiffen.
    Es ist nicht so, dass ich täglich kiffe... aber wenn ich die Möglichkeiten dazu bekomme (was einmal im Monat vielleicht ist), nehme ich eben diese wahr und genieße es dann auch.

    Ja, meine Mutter hat einen neuen Partner. Ja, sie ist glückliche vier Jahre mit ihm zusammen. Es gibt mir eine wackelige Stabilität, denn... die Eltern des Freundes meiner Mutter können mich und meine Lebensweise nicht leiden. Sie wollten mich schon mehrere Male auf die Straße werfen. Klar, auf die Worte lassen sich keine Taten sehen, da der Freund meiner Mutter diesem nicht zustimmt und mir helfen will. Er ist sehr freundlich.
    Doch - meine Mutter trinkt Wein. Täglich sehe ich diese widerliche Flasche vor ihr auf dem Couchtisch stehen, ich sagte ihrem Freund auch schon, dass der Anblick mir Sorge bereitet. Denn meine Mutter zeigt gesundheitliche Schäden. Durchfall, sie hat letztens eine Zahnwurzelentzündung gehabt etc. Und er unternimmt nichts dagegen? Ja. Man kann einer Person nicht helfen, wenn sie den Willen dazu selbst nicht hat. Doch man kann seine Sorge aussprechen. Ich weiß nicht, ob er es tut, ich verziehe mich lieber in mein Zimmer als abends bei ihrem Trinken dabei zu sitzen, doch er hat schon eine Haltung, die mich nicht zufrieden stellt. Denn er kauft ihr den Wein, anstatt sich mal zu weigern.
    Was folgt auf Wein und tägliche zwei Schachteln Zigaretten? Geldprobleme.
    Ich könnte ewig so weiter schreiben, doch ich habs oft genug durchgedacht und mich darüber geärgert. Und ich selbst weiß dabei auch nicht zu helfen, weil der Kontakt zu meiner Mutter einfach viel zu kaputt ist auf eine Art und Weise. Sie würde mich nur wieder anmeckern und nicht drauf hören, was ich sage.

    Ich habe viele Phasen in meinem Leben bisher durchgemacht. Richtung "Mainstream-Mitläuferstrom" ging ich jedoch ein Glück nie vollständig.
    Es wurde für mich selbst früh genug klar, dass ich mich unterscheide von vielen anderen Menschen. Dass ich ein Individium bin. Dass ich anders denke. Soll jetzt nicht abgehoben klingen, doch so empfinde ich es.
    Und so zeigten es mir bisher auch die Mitmenschen, die ich kennengelernt habe.
    Vorallem hat mein Aussehen auch nie eine besondere "Kategorie" eingenommen. Alle sagten immer: "Du siehst aus wie Du."
    Die einzige Schublade, in die man mich steckte, war "Emo-Punk".
    Da ich eine lange Zeit blaue Haare, Snakebites und Schwarze Kleidung, die jedoch Punker-mäßig aussah, trug.
    Nun jedoch habe ich mich den gemütlichen Kleidungsstücken zugewandt.
    Und ich bin wieder ich. Doch wer ist dieses "ich"?
    Ein freundlicher Mensch? Ein ignoranter Mensch? Ein empathischer Mensch?
    Ich kann meinen Charakter einfach nirgends zuordnen. Ich kann ihn auch nicht wirklich beschreiben.
    In meinem Kopf drehen sich so viele Dinge, doch wenn ich an mich denke, sehe ich Fehler.
    Genauer kann ich es auch nicht beschreiben... ist bestimmt auch viel zu verwirrend...

    Und wegen dem Meer aus Fragen und Problemen...
    Ich werde es bei nächster Gelegenheit, wenn ich ein bisschen klarer denken kann, einmal hier rein schreiben. Ich kann jedoch auch jedes Mal, wenn ich gerade Fragen im Kopf schwirren habe, erstmal notieren... damit Du angemessene Blickwinkel dieses Meers sehen kannst. Jetzt einfach so hier drauf los schreiben würde viel zu eingeschränkt sein.
    Denn es gibt so viele verschiedene Abende bei mir, mit verschiedenen Gedanken und verschiedenen Fragen.

    Ich hoffe, Du verstehst das.

    Sadstatue
     
  6. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Auf der Suche nach dem eigenen Leben

    Liebe SadStatue!

    Es stimmt: Wenn man die eigene Kindheit mit den Schilderungen anderer vergleicht, wie geringfügig kommt einem das Selbsterlebte oft vor! Was sind andere gequält worden, was haben andere gelitten, als sie klein waren und keinen Widerstand leisten, sich keine Hilfe holen konnten, nicht wahr?! Du findest das auch hier in den Foren nicht selten: dass jemand zu Beginn schreibt, in etwa jedenfalls: »Wenn ich hier so lese, was andere für Probleme habe, dann ist das, was mich bedrückt, irgendwie lächerlich.« So oder anders kannst Du es hier bisweilen lesen. Aber es bleibt ja dabei: Alles Vergleichen bewirkt ja in keiner Weise, dass nun die eigenen Schmerzen, der eigene Kummer dadurch abnimmt, weniger wird. Es geht einem ja letztlich keinen Deut besser nur weil man erfährt, wie schlimm viele andere dran sind. Es wird einem ja nicht leicht um froh ums eigene Herz, nur weil man von den Schmerzen und dem Elend der anderen erfährt. Der Maßstab für Deine Schmerzen und das Quälende Deiner Erinnerungen an die Tage Deiner Kindheit, weißt Du, – das sind nicht die anderen. Sondern dieser Maßstab bist Du selbst, ist Dein eigenes Erleben. Und wenn Du also sagst, dass Du als Kind, zusammen mit Deinem Bruder, von Deinen Eltern jahrelang hindurch wegen irgendwelcher Nichtigkeiten angeschrien worden bist – wie sollte man da etwa nicht von einer wahren Katastrophe sprechen? Muss Deine Verunsicherung nicht sehr tief reichen, wenn Du noch daran zweifeln musst, ob Dir vielleicht die Liebe Deiner Eltern gefehlt hat? Wie muss ein Kind sich fühlen, das immer wieder angeschrien wird – und nicht einmal in der Stille sich entspannen kann, weil es doch fürchten muss, dass das nur die »Ruhe vor dem Sturm« ist, vor dem nächsten grundlosen Anblaff, immer alles begleitet von und nahezu getränkt in Rotwein? Wer sollte sich da noch wundern, dass Du unendlich viel verdrängen musstest, bis auf den heutigen Tag, bis in die Gegenwart hinein, einfach um den Tag, die Woche, die Monate, die Jahre buchstäblich zu überleben? Wundert es noch jemanden, dass ein solches Kind zuhause keine Ruhe hat zum Konzentrieren und in der Schule nicht die rechte Aufmerksamkeit aufnehmen und zum Lernen, so dass es »in der Schule eben auch nicht lief«?

    Aber das Schreiben! Das ist Deine Welt! Und sie ist es geblieben bis heute. Denn schreiben zu können, das bedeutet Freiheit! Endlich! Ein kleines bisschen Freiheit! Freiheit für Wahrheit, Gelegenheit zur Tiefe! Und der sichere Rahmen des Unterrichts – das größte Geschenk. Die Schule als Asyl. Die Schule als der Ort der Zuflucht und des Schutzes. Kein Wunder, dass Du ihn für Dich genutzt hast. Kein Wunder, dass dort geschrieben hast »wie eine Schreibmaschine«, kein Wunder, dass Du heimlich fürchtetest, dass jemand in Deine kostbare Stille einbräche – und kein Wunder, dass Du heute »so viele Texte aus der Zeit« besitzt. Bestimmt ergeben sie ein ganzes Buch. In gewisser Weise hast Du in diesen Jahren das Buch Deines Lebens geschrieben. Wenn Du die Texte datiert hast, dann wird es wie ein Tagebuch sein, das Du getreulich geführt hast. –

    Deine Mutter… – Du beschreibst diese ganze Problematik ja nun wirklich sehr anschaulich. Und ich kann Dich in allen Punkten wirklich sehr gut verstehen: Deine Sorgen um sie – und Deine gleichzeitige Ohnmacht, den Rückzug in Dein Zimmer und auch Deine Unzufriedenheit mit dem Verhalten des Freundes Deiner Mutter (obwohl Du ihn ja ansonsten wohl recht gut leiden kannst). Und ich vermute auch, ganz wie Du, dass sie kaum auf Dich hören würde. Es wäre aber auch, wenn überhaupt, tatsächlich nicht Deine Aufgabe, sondern wirklich die ihres Freundes. Aber am Ende bleibt auch hier, ganz wie Du sagst: »Man kann einer Person nicht helfen, wenn sie den Willen dazu selbst nicht hat.« Dann sagst Du noch, dass der Kontakt zwischen Euch »einfach viel zu kaputt ist auf eine Art und Weise«. Das ist ja in der Tat ein massives Hindernis, und hättest Du einen Weg entdeckt, der es leichter macht – ich bin sicher, Du hättest ihn längst beschritten. Was bleibt, ist oft auf Jahre hinaus die unglaublich belastende und kräftezehrende Ohnmacht der Kinder, egal wie groß und wie alt sie auch sein mögen. –

    Du selbst… – Das wird wohl stimmen, was die anderen sagen: »Du siehst aus wie du!« Unverwechselbar eben. Es ist gut, dass Du Deinen eigenen Weg, Deine eigenen Wege mit der Kleidung und mit Deinen Haaren gegangen bist. Und es wird auch gut und sinnvoll sein, dass Du, was dieses Thema betrifft, dort bist, wo Du jetzt gerade (wieder) bist.
    Aber Du bist ja nicht nur, was Deine Kleidung betraf und betrifft, einfach »Du selbst«, sondern eben auch als Gesamtpersönlichkeit, als Mensch eben. Höre ich Dich da tatsächlich fragen: »Doch wer ist dieses ›Ich‹?« Oh, da helfe ich Dir gerne aus der Patsche, ein kleines bisschen wenigstens! Wir »kennen« uns ja noch nicht sonderlich lange. Aber das eine oder andere kann ich Dir sehr wohl nichtsdestoweniger dennoch schon jetzt zu Deiner Frage sagen. So wie ich Dich erlebe, allein in dem, was Du auch nur bislang hier geschrieben hast, bist Du vor allem eine ganz große, sehnsuchtserfüllte Suchende: Du bist auf der Suche
    nach Frieden, sanfter Stille, Worten,
    nach einer Freundin, einem Freund und
    nach Geborgenheit, Gemeinschaft, Tiefe,
    nach Ausgewogenheit und Ordnung,
    nach Gewissheit, Zuversicht und Kraft und Mut,
    nach Schutz, und Anerkennung, Hoffnung,
    nach Verständnis, einem bisschen Licht und einem leisen Lachen,
    nach Leben, nach Lebendigkeit,
    nach Entlastung, Schönheit, Zukunft,
    nach einem Zuhause und einer passenden Arbeit,
    nach Deinem eigenen Weg – und
    nach Dir selbst.

    Und es wird wohl gelten: Magst Du auch die Menschen fliehen, so bist Du dennoch freundlich. Mögen vielleicht auch nicht viele in ihren Genuss kommen, so besitzt Du doch ein hohes Maß an Empathie. Und den Verdacht, Du könnest ignorant sein, nun, den kannst Du, sei getrost, ganz sicher – richtig: »ignorieren«! ;) Dafür bist Du nämlich viel zu aufmerksam auf alles, was um Dich herum geschieht, als das auch nur im entferntesten auf Dich zutreffen könnte. – So weit einmal dazu, wer dieses »Ich« denn sei? –

    Was Dein »Meer aus Fragen und Problemen« betrifft, so soll die Wahl der Art, der Reihenfolge und des Umfangs des Zugangs dazu selbstverständlich ganz bei Dir allein belassen bleiben. Ich bin vollkommen sicher, jetzt schon, dass Du finden wirst, was Du auch hier… »suchst«. Lass Dir Zeit, bis Du weißt, was Du suchst, und hast, was Du willst. Das Wichtigste ist nicht, dass ich es sofort alles gut verstehe, denn ich kann Dich fragen. Das Wichtigste ist, dass es mit Deiner inneren Wahrheit übereinstimmt. Ich will nur sagen, dass es gewiss nicht unabdingbar ist, dass es geordnet, »angemessen«, wohlgesetzt, vollendet sei.


    Viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim

    P.S.: Es wird bestimmt einen Grund dafür gegeben haben, dass Du Deinen Eintrag mit einer – und speziell dieser! – Überschrift versehen hast, denke ich. Übersetzen kann ich sie natürlich leicht, aber mir sagt sie dennoch nichts, und die Internetsuchmaschinen führen geradewegs ins Nichts. Vielleicht kannst Du mir kurz auf die Sprünge helfen? ;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  7. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Face Yourself

    Lieber Achim,

    Wow. Danke für diese lange Antwort.
    Ich fühle mich seit langem mal wieder vollends verstanden von einer Person dieser kleinen, grauen Welt.
    Und auch das mit dem "Vergleichen", ja. Richtig. Ich behalte immer im Hinterkopf den schönen Satz: "Pain is relative"... jeder empfindet seinen Schmerz anders, als andere ihn empfinden würden. Ich kann mit Schmerzen umgehen, jedoch denke ich immer daran, dass es jemanden viel schlechter als mir gehen könnte und versuche, es mir klein zu reden, was ich erlebe oder erlebt habe. Und doch kann ich es groß schreiben in Texten, was ich alles fühle und gefühlt habe.
    Doch momentan hat mich die Muse einfach verlassen... obwohl ich so gerne etwas schreiben würde, meine "Traumwelt" ist verschwunden.

    Selbst in der Schule habe ich mich nicht komplett sicher gefühlt. Denn dort waren Mitschüler, die mich immer "geärgert" haben. Mobbing war es... weiß ich nicht... vielleicht? Ich war halt immer "Die Andere". Die Außenseiterin. Ich habe während meiner Realschulzeit drei Mal die Schule gewechselt.
    Zuerst war ich in der Umgebung meiner Kindheit an der Realschule, dann sind Wir umgezogen (der Ort, wo meine Eltern sich trennten) und dann wieder in den Kindheitsort an dieselbe Realschule.
    Als ich in die Schule des neuen Orts ging, haben mich sofort meine Mitschüler aufgesucht & mir sofort ins Gesicht gesagt, dass ich "Anders" bin. Zwar nicht so, aber sie haben es mir merklich gemacht.
    Und da fragt man sich doch... was man falsch gemacht hat. Bewege ich mich anders, gucke ich anders? Steht auf meiner Stirn dieses dicke, fette "ANDERS"?

    Richtig, Achim. Richtig. Ich besitze ein ganzes Textebuch und viele, kleine Bücher, in welche ich ab und zu auftretende Gedanken sofort nieder geschrieben habe... und mein Textebuch ist mir heilig. Das gebe ich niemals her. Da habe ich wirklich sehr lange rein geschrieben.

    Ich verstehe einfach nicht mehr, was für eine Beziehung ich und meine Mutter haben... ich kann einfach nicht mehr so gut mit ihr reden. Etwas in meinem Kopf hindert mich daran, ihr mein Herz auszuschütten.
    Vorallem, weil sie mir, wenn ich weine, gerne mal sagt, dass ich nicht in "Selbstmitleid ertrinken soll".
    Und noch hinzu hat sie viele andere Probleme, weshalb ich sie nicht mit meinen belasten will.

    Wie kann man all das aus meinen bisherigen Worten lesen? Wie?
    Und vorallem... wieso finde ich das selbst nicht?

    Ich finde es witzig, dass mir jeder was Anderes sagt.
    Eine gescheiterte Bekanntschaft hat mir vor kurzem nämlich an den Kopf geworfen, ich sei wirklich SEHR unempathisch und verstehe die Gedanken anderer Menschen nicht.
    Daraufhin habe ich mir eine gefühlte Ewigkeit den Kopf zerbrochen... und kam immer mehr ins Zweifeln mit mir Selbst.
    Und da trat wieder diese Frage auf: "Wer bin ich? Was für eine Persönlichkeit, was für ein Mensch?"

    Umgebe ich mich immernoch mit den falschen Personen? Setze ich meine Hoffnungen in die falschen Personen? Gehe ich falsch auf die Personen zu? Eröffne ich den Mitmenschen, bei denen ich das Gefühl habe, sie seien freundlich und empathisch, viel zu früh meine Gedankenwelt?
    Warum fragt mich nie jemand nach einem Treffen? Warum will ich gerne mal jemanden sehen doch im nächsten Moment denke ich mir "Nein, will lieber alleine sein" und am Ende des Tages jammer ich wieder "Hätte ich mich doch mal lieber mit jemanden getroffen!"?
    Ich habe echt nicht das Recht, an anderen zu meckern. Denn ich bin eigentlich immer lieber alleine. Und ich hasse soziale Kontakte, denn ich verstehe sie nicht so ganz und finde sie viel zu anstrengend.

    "We are a brainwashed Generation" Zum einen habe ich mit diesem Satz mal ein schönes Bildchen im Internet entdeckt. Zum anderen ist das einer meiner Gedanken, was Unsere Gesellschaft momentan angeht. Es gibt wirklich viele Individualitäten, jedoch gibt es auch diesen großen Strom von Menschen, die einfach alles geben, um anderen zu gefallen. Die alles geben, Aufmerksamkeit zu kriegen. > YouTube zeigt es deutlich.
    Ich habe diese Überschrift einfach gewählt... weil ich an meine Wand geschaut habe & dieses große Zitat dort vor einigen Monaten künstlerisch drangekleistert habe. Und dann hab ich es einfach in die Überschrift getippt. Soviel dazu.^^

    Sadstatue
     
    Zuletzt bearbeitet: 12 November 2016
  8. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Denken, Denken, Denken

    Ich bin gerade in einer Schreiblaune, deshalb werde ich jetzt hier einmal meinen Kopf ausleben.

    > Thema Arbeit. Ich habe es geschafft, mich zum Arbeitsamt zu zwingen. Ich schaffe es, früh genug aufzustehen, um zu der, vom Arbeitsamt empfohlenen, "Berufsorientierung" zu schleppen.
    Doch irgendwie ist mein Bauchgefühl weder positiv noch negativ angetan von diesem Handeln.
    Warum? Nunja, ich habe Spaß, mich in der Holzwerkstatt auszuleben. Ich kann mir vorstellen, später in diesem Beruf zu arbeiten. Doch ich habe noch kein Ziel, wo ich landen könnte. Welche Werkstatt? Wird es mir möglich sein, eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen?
    Ich würde so gerne meine Möbelstücke selbst bauen können. Ich will eine "schaffende Person" sein.

    Werde ich das schaffen?

    > Thema Familie. Ich rede ab und zu mit den Beiden. Immerhin. Doch nach ein paar gewechselten Worten kriege ich sofort wieder das Bedürfnis, mich in mein Zimmer zurück zu ziehen.
    "Mensch, hilf den Beiden doch mal im Haushalt! Du bist so faul.", werfen meine Gedanken mir dann vor... doch ich kann es einfach nicht...
    weil... egal was ich mache, es wird mit einem kurzen "Dankeschön" wieder abgetan. Und das frustriert mich dann.
    Sind das Ausreden? Oder Tatsachen? Mein empfinden verwirrt mich immer wieder.
    Vorallem freue ich mich irgendwie garnicht auf Weihnachten...
    Mama meinte: "Ich will einen schönen Familienabend zu Weihnachten. Keine Handys, kein Garnichts."
    Ja, schön. Warum machen Wir sowas nicht einfach mal öfter... außerhalb von Weihnachten? Vorallem wird jedes Weihnachten einfach garnicht mal so toll, wie sie es sich immer erhofft oder wie ich es mir dann erhoffe.
    Also einfach garnicht mehr hoffen.

    > Thema "Freunde" Ich hatte schon ein paar Menschen in meinem Leben, die ich als "Freunde" bezeichnet habe. Und auch ein paar, bei denen ich dachte, die könnten sogar meine "besten Freunde" werden. Ich bereue es zutiefst, dass ich diesen Gedanken mit diesen Personen dann auch gewechselt habe. Denn ich wurde enttäuscht.
    Ja, ich bin nicht ganz unschuldig. Ich flüchte vor Menschen. Öfter will ich einfach mit Niemanden reden, mich einkapseln und mein Ding drehen.
    Doch an einer gescheiterten Beziehung sind immer zwei Seiten beteiligt. Und ich merke auch oft genug, dass ich aus Fehlern bestehe... (düstere Gedanken incoming)
    Man sagte mir einmal, dass ich sehr doll mit mir selbst beschäftigt bin. Das stimmt auch. Ich denke sehr viel über mich, mein Handeln, meine Umgebung und das Handeln anderer nach.
    Hält das die Personen von mir fern?
    Das Problem ist auch... ich denke, auch wenn ich mich mit jemanden treffe, zu viel nach. Und das kann ich einfach nicht abstellen.
    Es ist nicht so, dass ich den Personen nicht zuhöre. Doch wenn man mir erstmal Stoff zum Nachdenken gibt, denke ich wirklich sehr, sehr lange darüber nach. Und am Ende rede ich weniger mit der Person, weil ich halt in meinen Gedankenwolken schwebe.
    Oder ist das eine Art, die man an mir sogar mögen kann?
    Ich weiß es echt nicht...

    Nunja, ich schreibe wieder zu viel & weiß auch garnicht, ob es von Bedeutung ist... ich stoppe ab hier erstmal.

    Sadstatue
     
  9. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Ich scheitere wieder

    Wer auch immer das lesen wird...
    Willkommen...

    Ich bin völlig fertig von der Arbeit. Es macht mir zwar immer noch Spaß, doch ich habe das Gefühl, ich mache es nicht ganz so richtig in der Holzwerkstatt.
    Joar... mein erstes Werk war gut & mein zweites war noch besser!
    Doch nur Schleifen kann ich ja auch nicht.
    Jetzt bin ich mit dem Stecheisen dran & daran bin ich gestern an zwei Stücken gescheitert. Werde ich das noch besser drauf haben, wenn ich mich dran halte?

    Noch hinzu kommt, dass ich durch die Arbeit natürlich wieder Menschen kennen lerne. Sind alle sympathisch, schön und gut. Doch ich habe Angst, sie näher an mich ran zu lassen. Also im Sinne von "Grad der Bekanntheit zu Freundschaft vielleicht vertiefen".
    Ich denke nicht, dass ich das zulassen kann.

    Und nun meine Probleme... ich habe immer wieder das Bedürfnis, mich zu verletzen. Weil ich momentan wieder in einer Grauzone bin, was meine Emotionen angeht. Ich weiß einfach nicht, was ich richtig und falsch mache momentan. Und hinzu kommt, dass... wenn ich auf der "Arbeit" bin, ich lieber wieder nachhause will und mich in mein Bett verkriechen will.
    Ich fühle mich einfach nicht so ganz wohl.

    Naja... ich weiß garnicht, warum ich das hier noch rein schreibe...
    weil ich glaube, von hier aus wird mir keiner helfen können...

    Sadstatue
     
  10. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Ich - im Spiegel der anderen

    Liebe SadStatue!

    Schön, dass Du Dich verstanden fühlen konntest. Je länger dieses Gefühl entbehrt werden muss, als desto wichtiger empfinden wir es, wenn es uns dann einmal wieder geschenkt wird. »Verstandenwerden«, das durchbricht die Mauern der Isolation und der schädlichen Stille, des schmerzlichen Schweigens. Ich glaube Dir sofort, dass Du mit Schmerzen umgehen kannst. Du erträgst sie ja seit Jahren schon. Und ein Ende ist kaum abzusehen – so, stelle ich mir vor, muss es sich für Dich ja anfühlen, Dein Leben. Vielleicht gibt es nur Weniges, das Du auch nur ähnlich gut kennst wie das Schweigen nach außen – und die Stille und die Schmerzen nach innen. Und dann auch in eine Phase zu kommen, in der Du nicht einmal schreiben kannst, wie Du sagst, das ist wohl, als ob Dir Dein Fluchtweg abgeschnitten würde, oder? Wer immer in welcher Firm auch immer versucht hat, das eigene Leben in Worte zu bannen – und das über Jahre hinweg, so wie Du – der wird das kennen: dass die Muse weggegangen ist und nicht mehr küssen möchte. Sie verabschiedet sich jedoch nie ohne einen Grund – freilich ohne ihn uns jemals kundzutun. Und fast will es scheinen, dass sie dann möchte, dass nicht sie es ist, die zu uns kommt, sondern dass einmal wir es sind, die ihr zu folgen und zu aufzusuchen haben. Es ist, als ob sie uns schweigend die Aufgabe gestellt habe, dass wir diesen Grund für ihren Rückzug dann erforschen sollten. Wenn also Deine Feder ruht – und das vielleicht sehr lange schon: Was hat sich verändert, in Dir, in Deinem Leben, seit Deinem letzten Text, seit Deinem letzten Gedicht? Irgendwas ist seither anders. Was? Es geht nicht darum, dass nur die Tinte Deiner Feder fließt, damit nur lediglich Dein Textebuch sich wieder füllt, und nicht mal eines dieser kleinen, die Du hast, soll lediglich sich um des Füllens willen wieder füllen. Es ist etwas anderes als nur die Tinte, die jetzt nicht mehr fließt; es ist etwas in Dir, Dir selbst, in Deinem Leben, das Dich, nicht Deine Feder, so ins Stocken kommen ließ. – Was?
    Nur einen Satz noch zu Deinem Textebuch: Um seinen Wert zu beschreiben, hast Du ein Wort verwendet, das aus unserm Wortschatz fast verschwinden ist – und das auch hier im Forum… fast niemals mehr verwendet wird: »heilig«. »Und mein Textebuch ist mir heilig«, hast Du geschrieben. Und ich wollte Dir nur sagen, dass ich sofort weiß, was Du meinst und wie es sich anfühlt. Hüte es wohl (und genauso halt’ es mit den vielen kleinen). Es enthält Deine Wahrheit, durch die Jahre, und daher auch Dein Ich, Dein ganzes Leben. –


    Eltern…
    Wenn Du sagst: »Ich verstehe einfach nicht mehr, was für eine Beziehung ich und meine Mutter haben...«, dann denke ich: »Dann war es früher sicher einmal anders.« »Nicht mehr« – dann muss sich etwas… verändert haben. Ich glaube nicht, dass es etwas in Deinem »Kopf« ist, das Dich daran hindert, ihr einmal so recht Dein Herz auszuschütten. Es ist kein »kopfbezogenes«, mithin kein »intellektuelles« Problem, will mir scheinen. Sondern es gibt eine Hürde in Deinen Gefühlen, die Dich bislang wirksam daran hindert. Gerade dass sie so harsch verlangt, Du sollest, wenn Du weinst, »nicht in Selbstmitleid ertrinken«, ist ja ein Satz, der Dich nicht etwa einen kognitiven Graben zwischen Euch entstehen lässt, sondern einen gefühlsmäßigen. Und was für einen! Das ist ja ein Satz, der Dich zutiefst verletzt, und mit dem sie Dich ja sogar heftig gleichsam von sich wegstößt! Du wirst lange gebraucht haben, um Worte dafür zu finden, wie das sich anfühlt. Und wenn sie dann noch massive eigene Probleme hat, wie Du schreibst, und sie nicht noch mit Deinen belasten willst – dann ist da momentan wohl tatsächlich keine Brücke über den Graben.
    Auch hier noch einen Satz zum Thema: Dass es mit Deiner Mutter schwer ist, schwierig ist und dass sie für Dich als Kind im Grunde ausfällt, das wird ja jetzt schon deutlich. Und das bringt mich unwillkürlich auf die Frage: Was ist mit Deinem Vater? Du hast ihn noch gar nicht erwähnt. (Aber später, in Deinem zweiten Posting, sprichst Du von Deinem leisen Appell an Dich selbst, »den beiden« im Haushalt doch mal zu helfen. Und wenn Du möchtest, kannst Du ja sagen, wer diese zweite Person ist.)

    Wie und Warum...?
    Du fragst: »Wie kann man all das aus meinen bisherigen Worten lesen? Wie? Und vorallem... wieso finde ich das selbst nicht?« – Es ist das Natürlichste von der Welt, dass Du das fragst. Und auf beide gibt es auch eine Antwort, ganz sicher. Ich bin aber nicht sicher, ob es sinnvoll ist, sofort und mit aller Gewalt danach zu suchen; ich glaube, sie wollen eher im Laufe der Zeit langsam entdeckt werden. Wir sollten sie allerdings in der Tat nicht aus den Augen verlieren, das nicht. Vielleicht… setzen wir sie gewissermaßen auf eine Parkbank. Und dann beobachten sie uns ein wenig, wie Deine Einträge hier im Forum verlaufen. Ich bin sicher: Es wird möglich sein, in die Antworten ein wenig »hineinzuwachsen«, wie Rilke das in einem Brief einmal genannt hat, den er einem Freunde schrieb: »Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.« Und »die Fragen leben«, das mag heißen: sich ein wenig von ihnen… begleiten zu lassen.

    Empathie…
    Rascher – und auch ganz entschieden – lässt sich, denke ich, die Frage nach Deiner Empathiefähigkeit beantworten. Lies vielleicht noch einmal, was Du, nachdem Dir dieser Vorwurf gemacht worden war, hier nun selbst geschrieben hast: »Daraufhin habe ich mir eine gefühlte Ewigkeit den Kopf zerbrochen... und kam immer mehr ins Zweifeln mit mir selbst.« Kann jemand, der derart tief in sich hineinkriecht, nach sich selber fragt, denn oberflächlich sein? Kann man jemanden »unfähig zur Empathie« nennen, der andere – und das, was sie sagen –, so sehr ernst nimmt, dass er fast in eine Krise gestürzt wird? Ganz sicher nicht. Deine »Bekanntschaft«, will mir scheinen, hat da etwas von Dir nicht verstanden – etwas, das zumindest mir gänzlich offensichtlich scheint. Nein… solche Äußerungen sollen Dich nicht irre an Dir selber werden lassen. Du kannst Dich ziemlich gut in andere einfühlen. Dass Du Deine guten Gründe dafür hast, das nicht allzu oft unter Beweis zu stellen, steht auf einem anderen Blatt und berührt Deine prinzipielle Fähigkeit dazu in keiner Weise. –

    Dann kommt die Stelle, an der Du lauter Fragen einmal laut stellst, die Du bislang immer nur in Dich hineingeschwiegen hast:
    Ganz ehrlich: Ich könnte gar nicht entscheiden, welche von ihnen ich für die wichtigste halte. Sie berühren ja Dein ganzes Leben: Deine Vergangenheit, Deine Gegenwart und Deine Zukunft. Sie gehören zusammen. Sie sind miteinander verbunden. Eines aber ist wohl sicher: Du könntest so nicht fragen, wenn Du mit bestimmten Menschen nicht Erlebnisse gehabt hättest, aus denen Deine Fragen sich speisen. Jeder Deiner Fragen liegen ja Erlebnisse, Begegnungen zugrunde. Schmerzhafte. Solche, die weh tun. Richtig weh. Solche, die eigentlich… lebensfeindlich sind.

    »Anders«…
    Eines Deiner Themen in Deinem Posting habe ich bislang zunächst überschlagen, absichtlich. Es ist, ganz sicher, eines Deiner größten Themen: das »Anderssein«. Immer warst Du »die Andere«. Die Leute in Deiner Klasse kamen auf Dich zu, sagten Dir auf den Kopf zu, Du seiest… »anders«. Natürlich ist mir aufgefallen, dass Du das Wort stets in Anführungsstriche setzt. Das hat einen Grund, einen guten sogar, wie ich vermute. Und natürlich ist mir aufgefallen, dass Du, auch jetzt im Nachhinein, gar nicht abstreitest, »anders« zu sein, ganz in dem Sinne, wie sie es sagten und meinten; Du hast damals, wenn ich Dich richtig verstanden habe, überhaupt nicht gesagt, dass sie falsch liegen und unrecht haben, wenn sie Dich »anders« nennen. Es klebt Dir ganz sicher kein Etikett mit der Aufschrift »anders« auf der Stirn. Was aber haben sie dennoch wahrgenommen? Kollektiv? Offensichtlich ja sogar in einigen Fällen vielleicht sogar unabhängig voneinander, aber eben doch übereinstimmend wahrgenommen? Hast Du von Dir aus vielleicht einmal eine(n) von ihnen zurückgefragt, wie sie darauf kamen? Denn erraten konntest Du es ja wohl nur schwerlich – geschweige denn sicher sein, dass Du dann richtig liegst. – Jedenfalls, so will mir scheinen, hat dieses »Anderssein« noch ganz dieselbe Wichtigkeit für Dich wie damals, als Du noch Schülerin warst. Es betrifft Dich… zutiefst. –
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  11. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Posting 2 und 3 :)

    … und gleich weiter! ;) Jetzt ein paar Gedanken auch zu Deinem zweiten Posting.
    Zunächst einmal: Ich freue mich, dass Du Deiner »Schreiblaune« letzte Woche nachgegeben hast! Und ich kann jene Befürchtung überhaupt nicht bestätigen, die Du dann am Schluss äußerst: »Nun, ich schreibe wieder zu viel.« Nein, das tust Du nicht. Sogar ganz gewiss nicht. ;)

    Arbeit
    Ich hatte Deinen anderen Thread schon gelesen, in dem Du ein paar von Deinen Berufsideen nennst, z. B. das Bücherbinden. Und ich hatte mir schon früher vorgenommen, Dich nach Deinen ersten Tagen und Erfahrungen in der Holzwerkstatt zu fragen. Jetzt, wo Du das Thema selbst ansprichst, kriege ich irgendwie auch selbst die Kurve, es nicht wieder auf mein nächstes Posting zu verschieben. Du hast ja erzählt, dass es Dir dort nicht nur »gefällt«, sondern auch, dass Du Dir vorstellen kannst, später in diesem Feld zu arbeiten. Vielleicht hast Du ja inzwischen etwas herausbekommen über die Berufe, die sich um den »Werkstoff Holz« herumlagern? Das würde mich jedenfalls interessieren. Es gibt unglaublich viel – und unglaublich Wichtiges – über Holz zu wissen! – Die Frage, ob Du das schaffen wirst, bedrängt Dich ja ziemlich, nicht? Ich persönlich denke: Je mehr und je stärker Deine äußere Tätigkeit etwas ist, das Deinem Inneren entspricht – desto hoffnungsvoller darfst Du sein, was das Gelingen betrifft.

    Familie
    »Immerhin« redest Du mit »den beiden« »bisweilen«: Die gefühlte Entfernung zwischen ihnen und Dir ist… wahrlich groß, zurückhaltend ausgedrückt, oder? Ein kurzes »Dankeschön«, das Dir vielleicht viel eher den Eindruck macht, als habe es sich jemand mühsam abgerungen – ist frustrierend, sagst Du. Und ich glaube Dir das auch sofort. Was nach Deinem Einsatz, dann zurückkommt, kann Dir keinen angemessenen Gegenwert darstellen. Es drückt Dir, habe ich den Eindruck, keinerlei wirkliche Wertschätzung dessen aus, was Du getan und beigesteuert hast. Es ist nicht so, dass Du übersehen würdest. Aber so leicht abgetan zu werden, fühlt sich für Dich wahrlich nicht wesentlich anders an, oder?
    Und Weihnachten? Es ist noch früh, und nicht einmal der Advent hat schon begonnen. Wenn Du selbst nun einmal Weihnachten planen würdest, dürftest, solltest – was käme dann da (alles?) vor? Das interessiert mich, wirklich: Ein Weihnachtsfest nach Deinem Herzen, wie sähe das aus – wenn Du einfach mal drauflos wünschst und -phantasierst…? Was ist Deine Hoffnung für Weihnachten, ein Weihnachtsfest? – Oh doch! Natürlich hoffen! Denn aus der Hoffnung, weißt Du, lebst Du, lebe ich – leben wir alle.

    Freunde…
    Wenn ich das alles einigermaßen richtig zusammensetze, was Du zu diesem Thema bislang schreibst, dann fühlst Du Dich oft ziemlich hin- und hergerissen, oder? Hin- und hergerissen nämlich zwischen Abstand und Nähe, zwischen Nähe und Distanz. Ja, es ist richtig: Du betonst immer wieder, dass Dir das Alleinsein letztlich lieber ist. Dich einkapseln können und mit niemandem reden müssen. Und Alleinsein hat ja in der Tat einen unglaublich großen Vorteil: Du wirst nicht verletzt, weil Du missverstanden wirst oder gar von vornherein gänzlich unverstanden bleibst. Und alle, die das je erfahren haben, wie das ist: dass Begegnung mit Menschen weitaus eher »Verletzung« bedeutet als alles andere, der wird Dich sofort verstehen können. Einerseits. Andererseits: Du bist da ungemein ehrlich. Du sagst genauso, dass Du Dich manchmal nach Begegnung sehnst, nach einem Treffen mit anderen, nach einer Verabredung. Es ist irgendwie die Sehnsucht danach nicht totzukriegen – und die Hoffnung nicht kleinzukriegen, dass es Begegnung… und Gemeinschaft… und Tiefe geben könne – jenseits von Verletzung, oder? – Lass mich Dich etwas fragen: Wie meintest Du das, als Du sagtest, dass auch Du selbst Deinen Teil zum Scheitern beiträgst; wie meintest Du das, als Du sagtest, Du merkest »oft genug«, dass Du »aus Fehlern« bestehst? Und das andere, sind Deine »düsteren Gedanken incoming«: Erzählst Du mir etwas über sie? –


    Und nun noch Dein drittes Posting, das von vorhin:

    Oh, natürlich wird es gelesen werden. Und von mir allemal. Jetzt hat sich meine Frage danach, wie Du Dich in der Werkstatt fühlst, zumindest teilweise schon beantwortet. Und ich freue mich, dass es Dir dort gefällt. Es ist toll, dass Dir das Schleifen so gut gefällt – und auch gelingt! Ich kann mir schon vorstellen, dass es Dir leicht in den Sinn kommt, wieder erneut an Dir selbst zu zweifeln, weil das Stecheisen nicht so tut, wie Du es willst. Denn an Dir selbst zu zweifeln, das ist ein wohlbekanntes Gefühl. Ich will Dir aber zu bedenken geben: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wir brauchen alle miteinander Zeit, um uns Fremdes und Neues anzueignen. Niemand bildet da eine Ausnahme. Holz ist ein wunderbarer Stoff! Einer mit Charakter. Und Eigenwillen. Holz ist lebendig, »arbeitet«! Holz… Holz… Weißt Du, an wen ich gerade denke? An die Geigenbauer. Bedenke, wie viel Geschicklichkeit, wie viel Geduld, wie viel Durchhaltevermögen durch wieviele Stunden, Wochen, Monate und Jahre hindurch sie aufbringen müssen, wie viele Misserfolge und Rückschläge sie bisweilen zu verkraften haben, bis sie eines Tages dann eben doch ihr erstes selbstgebautes Instrument in den Händen halten und ihren eigenen Geigenzettel hineinkleben können! Bis eine Geige wirklich eine Geige ist, legt ihr Erbauer einen langen, langen Weg hinter sich. Er verändert sich, er wandelt sich, wird stärker, besser – und ruhiger seine Hand. – Hab Geduld mit Dir selbst: Das ist eigentlich alles, was ich Dir damit sagen möchte.

    ... und immer wieder neue Menschen
    Und wieder: neue Menschen sind da, die Dir begegnen. Ich kann verstehen, dass Dich die Frage nach Nähe und Distanz verunsichert. Das einzig Sinnvolle, das ich Dir momentan kann, ist: Lass Dir Zeit, nimm Dir Zeit – zum Prüfen. Um sie zu prüfen, um in Dich selbst hineinzuhorchen. Du darfst so langsam und so vorsichtig sein, wie Du es sein möchtest. Und die Zuversicht, dass Dir niemand von ihnen von sich aus Böses will, die wünsche ich Dir.

    Selbstverletzung
    Das Bedürfnis wächst wieder? Aber es wäre ja nicht so, wenn diese »Grauzone« Deiner Gefühle nicht da wäre. Wie ist sie denn entstanden? Allmählich heraufgezogen, wie eine dunkle Gewitterwolke? Vielleicht hat sich ja auch etwas Bestimmtes ereignet, das die Grauzone hat entstehen lassen. Vielleicht magst Du ja etwas darüber sagen. –

    So. Nun bin ich durch. ;-) Wahrlich, es hat sich gelohnt! Und – danke, dass Du Dich so sehr in Geduld gefasst hast. Es ist viel geworden. Aber wenn ich mich nicht ganz furchtbar irre, dann kommt Dir das in Deiner momentanen Stimmung vielleicht sogar entgegen.


    Von Herzen liebe Mutmach-Grüße!
    Achim
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  12. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Ich kann solangsam nicht mehr

    Achim...

    zu Deiner Frage, was mich in meine Grauzone schmeißt...
    das Band ist gerade eben in die Gefahrenzone gerutscht...
    meine Mutter droht mir nun, mich hier raus zu schmeißen!
    Und wieder: Ich weiß einfach nicht mehr, was ich richtig mache und was falsch ist!
    Ich weiß nicht, ob meine Mutter Ihren Frust an mir raus gelassen hat oder ob sie wirklich keinen Bock mehr auf mich hat...
    denn die Gründe, weshalb sie mich hier raus schmeißen will:

    1. Ich verziehe mich nur in mein Zimmer, an den PC.
    2. Ich stelle mein schmutziges Geschirr nur oben drauf auf die saubere Spülmaschine.

    Ist das nicht völlig belanglos? Ich habe die ganze Zeit nur geheult...
    und wieder: Ich verstehe, dass es ihr nicht gut geht. Aber mir geht es auch nicht gut... und das bringt mich jetzt gerade in völlige Angst.

    Angst, auf der Straße zu sitzen. Angst, wieder einen Menschen zu verlieren, der mir wichtig ist. Vorallem: MEINE MUTTER. Verliere ich meine Mutter nun komplett?
    Wo soll ich hin? Was soll ich tun?
    Ich bin völlig fertig...

    PS: Ich antworte auf die anderen Dinge gerne morgen... nur jetzt gerade finde ich keinen Kopf für diese Themen... ich bin völlig unruhig und voller Angst...
     
  13. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    An dieses "Morgen" will ich nicht mehr denken

    Jetzt kommt meine Antwort auf all Deine Worte.

    Achim,
    wie machst Du das bloß? Du gibst mir das Gefühl, dass Du mich wirklich verstehst und Dir auch Gedanken um meine Worte machst.
    Ja, meine Mauern der Isolation & Stille werden dadurch endlich mal gebrochen. Was halt nur schade ist... ist, dass mich kein anderer momentan so versteht wie Du. Oder gar sich so viele Gedanken um meine Worte macht.
    Und was noch trauriger ist... ich kann jetzt gerade nirgends hin flüchten.
    Weder mein Zimmer, mein Zuhause noch meine Arbeit lassen mich wohl fühlen. Und diese eine Person, zu der ich wenn denn flüchten wollen würde, lebt Achthundert Kilometer von mir entfernt.
    Und die Anderen antworten nicht und wenn sie antworten, merke ich sofort, dass sie mich nicht verstehen oder verstehen wollen.

    Warum kann ich keine Texte mehr schreiben?
    Das ist eine Frage, die ich mir wirklich oft stelle. Wo ist meine Muse hin verschwunden? Was hat sich in meinem Leben getan, dass ich nicht mehr so gut schreiben kann?

    Ich habe schon so ein paar Texte geschrieben, doch diese sind überhaupt nicht so gut, wie die aus meiner Schulzeit.
    Meine Fantasie ist verschwunden, hat mich verlassen. Die schöne Traumwelt, in welche ich mich zurück ziehen konnte... hinzu muss man allerdings auch sagen, dass ich immer glaubte, meine Texte leben von meinem Kummer. Jeder, welcher sie lesen durfte, sagte mir auch direkt, dass meine Texte viel zu traurig sind.
    Doch so ist es nunmal leider! Ich bin traurig. Und mein Kummer schwindet nie vollends.
    Ich habe kein "Tagebuch" geführt. Meine Texte und Kurzgeschichten haben keinen Zusammenhang. Sie sind alle auf ihre Art und Weise eigen. Sie erzählen keine direkte Geschichte über mich. Doch sie wurden und werden genährt von meinen Gefühlen und Gedanken.
    Immer habe ich versucht, Texte aus anderen Sichten zu schreiben.
    Ob nun Obdachlos oder ein Mann, der die Liebe zu seiner Frau verlor und nun mit den Gefühlen kämpft, ob sein Handeln richtig sei...
    viele verschiedene Sichten... und es hat mir so viel Spaß gemacht, all dies zu schreiben.
    Warum kann ich das jetzt nicht mehr? Wo ist meine Traumwelt hin?
    Ist das Alltägliche so groß und ablenkend, dass ich einfach keine Gedanken für Texte finde?

    Was ist mit meinem Vater?
    Habe ich das wirklich noch nicht erwähnt?
    Meine Eltern haben sich getrennt, ich bin mit meiner Mutter zusammen gezogen...
    Mein Vater hat ein neues Weibchen gefunden, macht mit ihr friede-freude-Eierkuchen und meldet sich nur, wenn es ihm wirklich passt.
    Er sagt zwar immer, wenn er schreibt, dass er viel an mich und meinen Bruder denkt, doch ich glaube ihm dies nicht ganz... noch hinzu zahlt er seit der Trennung keinen Unterhalt und da ich nun demnächst hier aus "HOTEL MAMA" raus muss, werde ich Geld brauchen und die Beziehung zu meinem Vater auch zerschmettern müssen.

    Und naja... die Beziehung zu meiner Mutter war nie wirklich komplett gut... soweit ich mich erinnern kann... doch zu Zeiten mit Papa war sie einfach... anders... ob nun gut anders oder schlecht... kann ich nicht so genau sagen...

    > Da ist die Rede von dem Freund meiner Mutter.

    Was ich wirklich witzig finde... ich habe heute versucht, ihr von meinem Problem zu erzählen... da sie von Ihren Eltern ja schon weg gezogen ist und ich fragte sie nach einem Rat.
    Doch Sie ist nur darauf eingegangen, dass ich meine Mutter angeblich nicht verstehe und dass sie mir nicht helfen kann. Und sie meinte, Ich habe "Pfeffer unter dem Hintern" was zur Hölle meint sie damit?! Und sie versteht mich überhaupt nicht, denn sie meinte... ich habe sie angeblich wegen meinem PC auch mal sitzen lassen.
    Finde ich witzig. Und traurig. Und allgemein einfach nur bescheuert. Ich werde Ihr nie wieder schreiben.

    Warum sprichst Du mir so sehr aus der Seele?

    "Anders"...
    Wieso hätte ich diese Menschen danach fragen sollen?
    Meine Mitschüler hätten solch eine Frage niemals beantwortet... und die Bekanntschaften hätten mir bestimmt auch nicht weiter helfen können...
    denn wenn man sowas gefragt hätte, wäre man doch als eingebildet abgestempelt worden oder "Du denkst, Du bist besser als Alle anderen"... oder sowas... keine Ahnung, ich hätte mich das niemals getraut, zu fragen. Lieber schweige ich.

    Bisher habe ich nur den Tischler als Ziel gesehen.
    Doch ich weiß einfach nicht... ob ich das packen kann. Vielleicht wäre die Arbeit mit Büchern doch besser für mich... oder einfach ein Beruf, bei welchem ich mich zurück ziehen kann... und still und leise vor mich hin arbeiten kann... aber... ACH MAN, ich hasse diese Gedanken! Ich will eine schaffende Person sein, doch zum Anderen habe ich das Gefühl, zu schwach für den Tischler zu sein. Ich will einen Beruf, bei dem ich körperlich sehr gefordert werde, doch diese Woche war ich echt kaputt und konnte einfach nichts mehr machen, als mich an den PC zu setzen und schon wird von der Mutter der Rausschmiss gedroht! FEHLER! Überall FEHLER!

    Es ist einfach nur beschissen. Sie versuchen schon ab und zu, mir Aufmerksamkeit zu schenken, doch stecken sie viel zu sehr in Ihrem eigenen Alltag fest. Und ich stecke im Kampf mit mir Selbst und meinem Alltag...

    Weihnachten wird überbewertet. Vorallem ist das EIN verdammter Abend! Und an diesem Abend erst will meine Mutter einen auf Familie machen?! Wieso nicht mal das JAHR über versuchen, die Familie zu reparieren!
    Naja... aber ich kann ja auch nichts dagegen machen... ich verziehe mich ja auch nur... Fehler...

    Ich habe versucht, in mein Schreiben mein Denken wegen der Fehler mal einzubauen. Dort, wo ich Fehler sehe, habe ich Fehler geschrieben.
    Und es ist immer so... egal, was ich mache, denke oder tu, ich habe das Gefühl, nur aus Fehlern zu bestehen. Ein Fremdkörper meines Umfelds zu sein. Nichts mehr richtig zu machen.
    Während meines FSJs wurde so viel daran gefeilt... mein Anleiter hat versucht, mir zu helfen... doch mich holen all diese Gedanken wieder ein. Alles falsch, Fehler.

    Genau das habe ich mir auch gedacht... Doch es ist schwierig, mich in diesem Sinne zu beruhigen. Ich will es richtig machen..

    Neue Menschen... ich weiß doch garnicht, wie ich damit umgehen soll...
    Ich werde es versuchen... doch ich will nicht nochmal enttäuscht werden... so wie ich es die ganze Zeit durchmachen darf...

    "Das Gift aus mir heraus laufen lassen"
    Die Grauzone meiner Gefühle entsteht nicht... sie ist einfach die ganze Zeit da. Mal mehr, mal weniger. Sie lebt mit mir, in mir.
    Und ja... es hat sich viel zu viel angestaut in letzter Zeit. Ein Jahr lang habe ich es fast geschafft, mich nicht zu verletzen. Doch nun wächst das Bedürfnis wieder... und ich gebe auch nach.
    Und vorallem das gestern hat mich dazu gebracht... meinen Zorn an mir selbst auszulassen. Wieder habe ich was falsch gemacht.
    Wieder weiß ich nicht, was richtig und falsch ist.
    Wieder Fehler, Fehler, Fehler.
    Ich kann verstehen, dass es ihr nicht gut geht. Doch mir geht es auch nicht gut. Wie soll ich denn mit ihr reden, wenn ich nicht weiß, was ich ihr sagen soll? Fehler...

    Du kannst doch Gedanken lesen...! Denn... ich habe diesen Beitrag gerade dann gelesen, als ich verheult nach dem Streit mit meiner Mutter vor dem PC saß. Echt heftig.

    Bist Du eigentlich Psychologe oder einfach ein Mann mit großer Lebenserfahrung und einem riesigen Haufen Empathie?
    Weil Du schaffst es immer wieder, mich zu überraschen in dem Sinne, wie sehr Du einen verstehst.

    Sadstatue
     
  14. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Nicht wenige Themen...

    Liebe SadStatue!

    Wenn das Schreiben stockt
    Willst Du verstehen, weshalb sich die Feder nur noch sehr zögerlich bewegt, wenn überhaupt – und sofern es Dir selbst wirklich ganz und gar nicht verständlich und einsichtig ist – was sich denn so gravierend verändert hat, dann mag es mehrere Wege geben, Dich selbst zu verstehen. Einer von ihnen – er hat sich bewährt – besteht darin, zunächst einmal zu rekonstruieren, wann die Blockade eingesetzt hat. Welches waren die letzten Texte, die »geflossen« sind? Und: Setzte die Blockade plötzlich ein oder war es eher ein schleichender Prozess, im Laufe dessen das Schreiben immer schwerer wurde, bis es schließlich ganz zum Erliegen kam? Kannst Du den Zeitpunkt bestimmen, gibt Dir das vermutlich einen guten Fingerzeig. Denn dann kannst Du fragen: Was war in dieser Zeit, was hat sich dort ereignet?
    Soso, Deine Texte seien also nicht nur »zu traurig«, wie Dir von anderen zurückgemeldet wurde, nein, sie seien sogar »viel zu traurig«. Das ist ja allerhand, so etwas zu sagen. Wer dürfte festlegen, dass Deine Texte »zu traurig« seien? Wer, wer? legt das Maß dessen fest, was an Traurigkeit »erlaubt«, »in Ordnung« ist? Wie soll Dir ein Text denn wohl geraten, wenn Dein Herz übervoll ist von Traurigkeit, von ihr überquillt? Wird dann ein zuversichtlicher Text entstehen? Ein augenzwinkernder? Gar ein fröhlicher? Nein. Es wird ein trauriger entstehen. – Man kann ja gegen die Bibel sagen, was man will. Aber manchmal drückt sie’s aus, wie es besser nicht geht. An einer Stelle sagt sie: »Wes das Herz voll ist, des’ geht der Mund über.« (Mt 12,34) Eben. So ist es. Und wenn Dein Herz voll Traurigkeit ist, dann fließt eben Traurigkeit aufs Papier – und nicht etwa eine geistvolle, funkelnde Witzigkeit. Und wenn Dein Herz auf Jahre hin voll Traurigkeit ist, dann fließt die Traurigkeit auf Jahre hin auf das Papier. Und auch wenn die Art, das Maß des Kummers schwanken mögen: Solange er nicht ganz verschwunden ist, wird es nur ehrlich sein, dass auch Deine Texte ihn enthalten, so wie Du ihn wahrnimmst. Du schreibst ja nicht, um Dir das Leben schönzulügen. Sondern um endlich mal ein Stückchen Wahrheit in der Hand zu halten, eins, in dem Du wahrhaft und wahrhaftig bist.
    Du fragst dann noch: »Ist das Alltägliche so groß und ablenkend, dass ich einfach keine Gedanken für Texte finde?« Diese Frage ist so gut – und auch so konkret –, dass ich, wäre ich Du, ihr nachginge.

    Vater
    Nein, Du hattest das noch nicht erwähnt. Ihn überhaupt; deshalb hatte ich ja gefragt. Väter sind wichtig. Mir kommt in den Sinn: Wenn er Dir versichert, dass er oft an Deinen Bruder und Dich denkt – auch wenn es Dir schwerfällt, das zu glauben –, könntest Du Dir vorstellen, ihn einmal, so ein wenig zumindest, in die Probleme einzuweihen, die zwischen Deiner Mutter und Dir herrschen? Wenn er sagt, dass er an Dich denkt, dann muss er sich Dir ja dann doch trotz der räumlichen Trennung nahefühlen. Legt das nicht die Hoffnung nahe, dass er Dir zumindest zuhören wird? – Vielleicht kann er Dir ja auch ein wenig beschreiben, wie er damals die Beziehung zwischen Deiner Mutter und Dir wahrgenommen hat; Du hast ja gesagt, sie sei früher einfach nur »anders« gewesen, ohne dass Du zunächst einmal beschrieben könntest, wie dieses »Anders« denn näher ausgesehen hat. (Ganz abgesehen davon natürlich, dass Du ein Gespräch, ein Treffen mit ihm auch dazu nutzen könntest, einmal Eure eigene Beziehung zum Thema zu machen.) – Ist nur so ein Gedanke.

    »Pfeffer unterm Hintern«
    Lieber keinen Kontakt (mehr), als einen, in dem man nicht verstanden wird – da kann ich Dich gut verstehen. Du wirst sie also, wenn Du Deinen Entschluss aufrechterhältst, ihr nie wieder zu schreiben, keine Gelegenheit mehr haben, sie danach zu fragen, was sie mit diesem Ausdruck denn gemeint hat. Ich persönlich aber denke, dass jemand, der angeblich »Pfeffer unterm Hintern« hat, keinesfalls ein langweiliger Mensch ist. Sondern einer, der etwas bewegen kann; jemand, dem kann etwas zutrauen, auch etwas Komplexes. Wenn Du also gewissermaßen die Wahl hast, wie Du es verstehen kannst, dann versteh es doch einfach mal als Kompliment – ganz unabhängig davon, ob sie das nun so meinte oder nicht. ;)

    »Anders«...
    Wenn Du Deine Befürchtungen vor den Reaktionen der anderen so beschreibst, kann ich natürlich verstehen, dass Du Dir wohl lieber die Zunge abgebissen hättest, als auch nur einmal eine solche Frage zu stellen. Andererseits muss man aber auch immer bedenken, dass die Menschen oft anders sprechen und handeln, wenn sie alleine sind und nicht in der Gruppe auftreten, wo sie sich nicht selten an die herrschende Mehrheitsmeinung anpassen. Das Vier-Augen-Gespräch da oft die größere Chance auf Ernsthaftigkeit, auf eine Reaktion, die nicht lediglich an der Oberfläche verbleibt. Vielleicht ist es gut, das im Hinterkopf zu behalten, wenn Du irgendwann später noch einmal eigentlich ganz gerne von jemandem wissen möchtest, wie er oder sie Dich wahrnimmt.

    Holzberufe
    Tischler ist ein guter Beruf, noch immer. Und vor allem: Er ist ja nicht das Ende der Fahnenstange, wie man so schön sagt. Auch wenn Du diesen Beruf erlernst, heißt das ja noch lange nicht, dass Du ihn dann unverändert bis zur Rente genau so ausüben wirst. Er ist aber zweifellos eine gute und auch notwendige Basis für alle Weiterentwicklungen, die sich daraus ergeben können. Vielleicht kannst Du Dich einmal mit jemandem unterhalten, der den Beruf kennt – oder ihn sogar ausübt? Er, sie wird sicherlich auch berufliche Felder wissen, die sich an die Ausbildung anschließen können, »angelagert« sind.

    Mutter
    Eure Beziehung scheint ja wirklich sehr festgefahren sein – und angesichts Deiner Befürchtung, in naher Zukunft sogar vor die Tür gesetzt zu werden, ist »festgefahren« natürlich eigentlich ein noch viel zu schwacher Ausdruck. Vermutlich wird es dennoch kaum einen anderen Weg als ein offenes Gespräch geben. Es hat sich, meine ich, auf beiden Seiten im Laufe der Jahre so viel angesammelt, das einmal »auf den Tisch« müsste. Weiter unten schreibst Du, dass Du nicht wissest, was Du ihr sagen sollst. Aber Du wirst es wissen, wenn es einmal so weit ist. Sobald Du auch nur ausgesprochen haben wirst – nur als ein Beispiel; Du wirst viele andere Möglichkeiten entdecken –, dass Du irritiert bist, gar nicht so recht zu wissen, was Du sagen und wie Du anfangen solltest, wo doch so vieles ist, was kompliziert ist, wird ganz langsam ein Wort das andere dann ergeben können. Und auch, dass Du Dir Sorgen um sie machst und Dich ganz ohnmächtig fühlst, kann einen Anfang bilden. – Vielleicht lässt sich ein Spaziergang organisieren? Gespräche in der freien Natur verlaufen nicht so leicht ähnlich heftig, wie es in der Wohnung geschehen kann. Womöglich gibt es aber ja noch andere Vorteile – oder auch Nachteile? Du kannst es Dir ja einfach mal durch den Kopf gehen lassen in der nächsten Zeit…

    »FEHLER! Überall FEHLER!«
    »Was ist richtig, was ist falsch? Was, um des Himmels willen, muss ich tun, damit die anderen endlich, endlich mal mit mir zufrieden sind und nicht jedes, wirklich jedes Mal sagen, dass ich nur Probleme verursache – und möglichst noch, dass ohne mich alles viel einfacher wäre?« – So und ähnlich lauten Deine Fragen, nicht wahr? Nur allzu leicht sind sie zu variieren, umzuformulieren, und in dieser oder jener Form können sie im Handumdrehen dutzenderlei Gestalt annehmen. Aber so unterschiedlich sie auch lauten, sie haben alle eines gemeinsam: Sie alle münden am Ende in den einen, den einzigen Wunsch: »Ich will es richtig machen. Denn alles, was ich von mir selbst aus denke, sage, plane, tue, wünsche, hoffe, ersehne – offensichtlich ist das alles falsch. Ich will es richtig machen. Dann wird endlich Friede sein!« – Friede: Kein anderer Wunsch brennt auch nur ähnlich heiß! –
    Du spürst es selbst nur allzu gut, wie groß nicht nur Deine Sehnsucht nach Frieden ist, sondern wie groß auch der Druck, Dein Leidensdruck nämlich, ihn endlich zu erreichen. So groß ist dieser Druck, so unmittelbar, so brutal, möchte man fast sagen, dass Dein Überleben davon abhängt.
    Um ehrlich zu sein: Es ist alles andere als leicht, darauf gut zu antworten. Denn so plausibel Dein drängender Wunsch ist, es endlich »richtig« zu machen, so verführerisch offensichtlich Dein Gedanke bisweilen sein mag, dass alles nur an Dir und in Deinem Ermessen und in Deiner Schuld liege und Du »nur« zu tun bräuchtest, was in den Augen der anderen »richtig« ist, um den ersehnten Frieden zu erlangen, so sehr ist er – verkehrt. Denn was wäre das für ein »Friede«, dessen Preis darin besteht, dass Du stets nur anderen und ihren Maßstäben zu genügen trachten musst? Es wäre nur ein Scheinfriede, abgestellt auf rein äußerliches Wohlverhalten. Aber die stets nur »braven« Kinder, die, die immer alles so tun, bis sie sogar wünschen und wollen, was die Erwachsenen wünschen und wollen, ohne selbst wünschen und wollen zu dürfen, sind diejenigen Kinder, die am ehesten zu zerbrechen drohen, – und das sehr rasch. Ein »Friede«, der durch Dein Wohlverhalten zustandekommt, ist kein Friede. Ist er auch immer irgendwann hergestellt sein, dann geht der Kampf mit Dir selbst erst richtig los. Denn wer Du bist und wie Du bist, Dein ganzes Wesen, das will sich unbezwingbar in Dein wirkliches Leben übersetzen, Deinen Alltag – es will Tat und Wahrheit werden; es will, in einem gewissen Sinne, vielleicht »noch wahrer« werden als Deine Gedichte und Geschichten. Die Frage also nach Deinem Wesen, die Frage, wer Du in der Tiefe bist – ist unendlich wichtiger als die, was Du vordergründig tun sollst und musst nach dem Dafürhalten der anderen. Weißt Du besser, genauer, wer Du bist, so wirst Du besser und genauer wissen, welchen Weg Du gehen möchtest – und was Du dann tatsächlich zu »tun« hast, das wird sich von innen heraus ergeben. Von innen, – nicht von außen. Was und wie das alles werden wird, kann jetzt noch kein Mensch wissen, geschweige denn planen. Das einzig wirklich Wichtige wird sein, dass Du Dich selber magst so wie Du bist und Du Deine Wünsche, Träume, Hoffnungen, gerade so, wie sie in Dir leben möchten, anzunehmen, zu umarmen wagst. Und das wünsche ich Dir sehr.

    SVV
    Ich bin sicher: Du spürst ganz unwillkürlich, wie eng die Frage nach Deinen Wünschen, Hoffnungen, die ins Leben drängen möchten, verbunden ist mit Deinem neu erwachten Drang, nach einem Jahr der »Ruhe« nun doch wieder zur Klinge zu greifen. Dürftest, könntest Du sein, wer und wie Du bist, wärst Du nicht mehr darauf angewiesen, Deinen Druck auf diese Weise abfließen zu lassen und Dir Erleichterung zu verschaffen, nicht? – Es ist momentan so, wie es ist. Niemand darf Dich verurteilen. Es wird zurückgehen in dem Maße, in dem Du mit Dir selbst übereinstimmen kannst und als Person, als Mensch, als Individuum, Dich selbst zu wagen lernst. Ganz bestimmt. –


    Ganz am Ende fragst Du noch, ob ich vielleicht ein Psychologe sei, und ich will Deiner Frage nicht ausweichen.
    Nein, ich bin kein Psychologe, sondern ich bin Theologe. Ich frage also nach Gott. Ich frage danach, wie er ist und wir Menschen ihm begegnen können. Seltsamerweise hat er die Welt, als er sie schuf, so eingerichtet, dass man über ihn, den »Schöpfer«, nichts herauskriegt, wirklich rein gar nichts, – wenn man die Menschen nicht beachtet. Man bekommt überhaupt NUR dann etwas über Gott heraus (wenn überhaupt), wenn man sich, möglichst tief, mit den Menschen beschäftigt: mit ihrem Glück und ihrem Leiden, ihren Hoffnungen und ihren Schmerzen, ihrer Freude und ihren Tränen, ihren Ausweglosigkeiten und ihrem Wagemut, ihren Ängsten und der Leidenschaft ihres Herzens. Das ist der Grund, weshalb ich sie frage, hier im Forum genauso wie direkt um mich herum: wie es ihnen geht… was sie beschäftigt… und was sie ausmacht – und wer sie eigentlich genau sind, innendrin, in ihrer Tiefe. Und dann beginnen sie, manchmal, etwas genauer davon zu erzählen, wie es ist in ihrem Leben. Und was früher alles war, als sie noch jünger waren, Kinder waren, klein waren… wie alles geworden ist und sich entwickelt hat bis heute. Hin und wieder trauen sie sich dann, jemanden dazu einzuladen, ein Ohr an ihre Worte zu legen, zu hören also, was sie sagen, wenn sie – und sei es auch mit einem großen Zittern in der Seele – ihre Wahrheit über die Lippen bringen.
    Wenn ich nach Gott frage, dann lasse ich mir also von den Menschen dabei helfen, wenn Du so möchtest. Meistens von denen, die nicht mehr aus noch ein wissen und mit dem Rücken zu Wand stehen; versuche, die Welt zu sehen aus der Perspektive der »Kleinen«, der »Schwachen«, der an den Rand Gedrängten. Bis jetzt hat sich mir das als sehr sinnvoll und tragfähig erwiesen. Und ich hege mittlerweile den Verdacht, dass ich dabei bleiben werde. – Soweit einmal für heute? Wenn Du möchtest, dann schreib’ einfach irgendwann wieder.


    Viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim
     
  15. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Ein langsamer, schleichender Prozess...

    Lieber Achim,

    __
    Das Schreiben
    Nachdem ich nun mehr und mehr darüber nachgedacht habe... und mich mal wieder dran gesetzt habe, Gedanken ein wenig zu ordnen und zu formulieren, habe ich drei Texte geschrieben.
    Zwei davon sind mehr "Alltäglich" geworden, also entspringen meinen wahren Gedanken. Doch einer davon ist tatsächlich mal wieder "fantasievoll" geworden! Ich war erstaunt, dass dieser Text halbwegs gut geworden ist.
    Beinahe wie zu meinen damaligen Zeiten.

    Und als ich darüber nachgedacht habe, was Du gefragt hast...
    Als ich anfing, mein freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren, fing es an, dass meine Feder zur Seite gelegt wurde.
    Nun, welche Gründe könnte das gehabt haben?

    > Mein Anleiter der Behindertengruppe, in welcher ich arbeitete, hat viel mit mir geredet. Wir haben Uns von Anfang an gut verstanden und im Laufe des FSJ sah ich ihn mehr und mehr wie meinen "Ersatzvater" an. Weil er immer ein offenes Ohr für mich hatte und ich immer mehr den Wunsch verspürte, seine Tochter zu sein... und naja, vielleicht hat mir das Reden mit ihm den Sinn des Texte-Schreibens genommen. (Übrigens hat er auch gesagt, dass er mich am Liebsten adoptieren würde.)

    > Arbeit ist nicht mit Schule vergleichbar. Vielleicht hat die Unruhe des Arbeitsalltages meinen Sinn zum Texteschreiben blockiert.

    __
    Vater
    Warum muss Alles bloß so kompliziert sein?

    Also... ja, Väter sind wichtig. Und ich weiß, dass ich meinen Vater sehr lieb habe. Er fehlt mir.
    Doch, wie bei meiner Mutter, ist es kompliziert. Vorallem - als Wir noch zusammen lebten, war er sehr spießig, ernst und still.
    Jedoch nun, wo er seine neue Freundin hat, ist er lebensfroh und erlebt all die Dinge, die er mit Uns nicht erlebt hat.
    Ist das nicht seltsam? Was hat ihn in Unserer Familie so davon abgehalten?
    Oder waren Wir von Anfang an eine komplett kaputte Familie, dessen Datum fest stand, wann Wir zerbrechen?

    & ja, ich kann ihn mal danach fragen. Wenn es nochmal zu einem Treffen kommt.

    __
    Offen mit der Mutter reden
    Tatsächlich habe ich mich nach dem heftigen Streit mit meiner Mutter selbst dazu gerungen, mich hinzusetzen und mit ihr zu reden.
    "Ich würde niemals auf die Idee kommen, Dich vor die Tür zu setzen.", waren Ihre Worte. Und sie hat auch gesagt, dass sie rein aus Emotionen gehandelt hat.
    "Es hat sich die letzten Wochen so viel angestaut, dass ich einfach geplatzt bin."
    Ich kann es verstehen, ich wäre wahrscheinlich auch ausgerastet, wenn jemand, der mit mir unter einem Dach lebt... sich so einkapseln würde.
    Und wieder rasten mir die Fehler-Gedanken durch den Kopf. Wieder habe ich mir die Schuld gegeben. Mein Handeln in letzter Zeit... mein Denken, mein Reden mein Tun... ach, lassen Wir es...

    Auf jeden Fall reden Wir jetzt wieder mehr miteinander.
    Und ich setze mich ab und an mal rüber... um mich einfach zu zeigen.
    Wirklich viel von meinen Gedanken erzähle ich nicht, aber immerhin haben sie mal gesehen, was ich so bei der Maßnahme hergestellt habe mit meinen eigenen Händen.

    __
    Laufender Fremdkörper, Fehler, Fehler
    Dein erster Satz, was Deine Vermutung angeht, liegt vollkommen richtig.
    Ich ringe oft genug mit solchen Gedanken.
    Doch was Deine weitere Beschreibung angeht - ich weiß es, ich weiß... dass, wenn ich es jedem Recht machen will, wenn ich mich von vorne bis hinten verbiegen würde, nichts Schön sein würde.
    Es geht ganz allein um meine Gefühle. Ich will mich in meinem Denken, Handeln, Reden und Tun einfach besser fühlen können.

    Ich zeige Dir aber jetzt mal ein Bisschen der Gedankentexte, welche ich die letzten Tage geschrieben habe:

    "Wenn man denkt, dass man falsch ist, wirkt man dann auch sofort auf die Anderen falsch?
    Wäre es anders herum anders oder wäre es dann noch schlimmer?
    Weil es ist ja auch so, dass wenn man ein zu großes Ego hat, man die Anderen noch mehr von sich abschreckt.
    Und man bekommt noch mehr negative Rückmeldung.

    <Die ist zu eingebildet.>

    Ich will lieber so bleiben, wie ich jetzt bin, als dass ich ein zu eingebildetes Wesen werde.
    Klar, ein bisschen Selbstbewusstsein würde mir auch nichts Schlechtes tun. Doch ich kann diese Mauer,
    die ich mir Selbst errichtet habe, nicht brechen.

    Ich bleibe lieber so, wie ich bin und fertig ist die Sache.

    <Doch dann gehen die Probleme auch nicht weg...>

    (...)

    Befassen Wir Uns mal ein bisschen mehr mit meinem <Ich>.
    Ich bin nicht falsch, aber auch nicht richtig.
    Ich mache vieles falsch aber auch ein paar Dinge richtig.
    Ich bin gerne alleine, doch manchmal auch gerne in Gesellschaft.

    Doch in Gesellschaft, habe ich das Gefühl, mache ich so ziemlich Alles falsch,
    was man nur falsch machen kann. Dafür kann ich aber auch nicht gut Alleine sein.

    Ist das nicht witzig?

    In Gesellschaft aber auch Alleine ist immer dieser Druck da.
    <Mach es richtig, mach es richtig!>

    Doch man kann ja einfach nicht Alles richtig machen!
    Jeder ist perfekt unperfekt und dreht seine Dinge, wie er es für richtig hält.
    Und ich mache es nicht anders, ich mache mir bloß alleine diesen Druck.

    Doch ich fühle mich so verdammt <anders>.
    Bin ich denn <Anders>?
    Eine Frage, die mich schon so lange verfolgt.
    Eine Frage, die ich mir womöglich niemals beantworten kann.

    Zumindest nicht, sobald ich mal jemanden frage..."


    __
    Gift, Gift, Gift
    Danke, dass Du endlich mal wieder eine Person mit Verständnis zu diesem Thema bist... und ich habe auch schon vor kurzem den Gedanken gehabt:

    "Wenn ich mit mir Selbst ins Reine komme, wird sich womöglich auch dieses Verhalten alsbald lösen."

    __
    Deine Gedanken

    Danke, dass Du mir darauf antwortest.
    Und ich bin echt erstaunt, was ein großes... ja, doch... Lebensziel Du Dir gesetzt hast. Kann man doch so sagen, richtig?

    Ich bin echt fasziniert von Deinen Gedanken, finde ich echt stark! :)

    Sadstatue over and out
     
    Zuletzt bearbeitet: 25 November 2016
  16. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Einsam und doch irgendwie glücklich damit?

    Hallo an den Leser,

    ich bin etwas länger jetzt wieder in meiner allzu bekannten Grauzone und treibe in meinem "Meer aus Gedanken" umher...
    Jeden Tag aufstehen, sich fertig machen, zur "Arbeit" kämpfen, arbeiten und doch zu viel Nachdenken... ich wunder mich, dass ich nicht solangsam mal Kopfschmerzen kriege.
    Dann komme ich Nachhause, esse vielleicht mal etwas, denke dabei erstmal nach und lenke mich dann mit virtuellen Realitäten ab.

    Wirkt das etwa träge und langweilig?
    Irgendwie schon, doch ich bin auch irgendwie zufrieden damit.
    Und zum Anderen auch nicht, ich könnte viel, viel mehr erreichen,
    glaube ich manchmal.
    Noch hinzu habe ich keine Bekannten in der Umgebung mehr, die sich ab und zu melden - oder bei denen ich mich gar melden will.
    Da sind nur ich und die Bekannten, die ich übers Internet kenne.
    Und mein Zuhause...

    Und nach was sehnt sich Mensch manchmal auch gerne?
    Ja, richtig. Die Liebe.
    Doch bei mir hat sich merklich gemacht, dass ich in meiner
    momentanen Situation einfach keinen Platz für Liebe sehe.
    Ich sehne mich, doch zum Anderen sehne ich mich auch nicht.
    Vorallem... weil ich das Gefühl habe, mich noch nie wirklich verliebt zu haben...
    Da war immer dieses "Verknallt sein"... aber nie dieses:
    "WOW, der ist es! Mit dem kann ich RICHTIG glücklich werden!"
    Kennt das Jemand hier? Bitte sagt ja & lasst mich nicht verrückt fühlen...

    Naja... ich werde jetzt erstmal ins Bett gehen und Gedanken kreisen lassen... wollte immerhin ein paar meiner momentanen Gedanken einmal hier fest legen...

    Sadstatue
     
  17. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    Zwei Postings auf einmal ;)

    Liebe SadStatue!

    Schreibblockaden und Schreibfluss
    Beide Bedingungen, die Du als Gründe dafür vermutest, weshalb Dein Schreiben stockte, finde ich sehr gut nachvollziehbar: Wenn da jemand ist, mit dem Du reden kannst, richtig, persönlich, dann ist das einfach ein anderer, direkterer Weg der Verarbeitung als das Schreiben. Es ist ein Gegenüber da – etwas, das das Schreiben einfach nicht bieten kann (allenfalls erst im Nachhinein, wenn der Text fertiggestellt ist und man mit jemandem darüber spricht). – Und das andere: Wie oft ist die Schule lästig! Aber sie bietet eben andererseits auch diesen absolut zuverlässigen geschützten Rahmen mit ihrem stets gleichmäßigen Rhythmus. Das gibt es später dann nicht mehr, das stimmt schon, und Du musstest Dich sicherlich in der Unruhe des Arbeitsalltags neu orientieren. Das ist eine größere Umstellung, als man gemeinhin annimmt, und das mag wirklich seinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Schreiben in den Hintergrund getreten ist.

    Aber nun? Du hast wieder geschrieben? Und dann auch noch gleich drei Texte auf einmal? Das ist doch klasse! Vielleicht ist es ja ein Anzeichen dafür, dass Deine Eingewöhnung recht gut vorangeschritten ist und Du auch wieder Energie für anderes hast – eben z. B. das Schreiben. Einfach abwarten, wie sich die Dinge entwickeln…

    Vater
    Deine Fragen sind natürlich alle sehr wichtig, kein Zweifel. Aber genauso wenig kann daran gezweifelt werden, dass nur Dein Vater selbst sie Dir beantworten können wird. Deshalb wäre es eigentlich sehr wünschenswert, dass ein solches Treffen mit Deinem Vater stattfinden könnte. Nun hast Du aber ja zum Schluss dieses kleinen Absatzes geschrieben: »Wenn es nochmal zu einem Treffen kommt.« Eine Begegnung zwischen Euch scheint also mit Hindernissen verbunden zu sein, oder? Was steht dem denn im Wege, rein Organisatorisches oder auch Gefühlsmäßiges? Vielleicht sind es ja sogar mehrere Dinge?

    Mutter
    Alles in allem ist das doch erstmal eine gute Entwicklung, oder? Natürlich musste Dir ihre Drohung, dich vor die Tür zu setzen, zunächst einmal unwillkürlich in Panik versetzen. Aber nun hat sich das ja geklärt und aufgelöst, und sie konnte Dir sagen, dass sie das »niemals« tun würde. Das bringt Deinen Herzschlag sicherlich wieder runter, nicht?
    Übrigens (das aber nur nebenbei): Inzwischen hast Du hier schon den zweiten Beleg dafür geliefert, dass Du sehr wohl eine sehr empathischer Mensch bist: Der erste steht in Deinem Posting vom 19.11. Da schreibst Du, just im Zusammenhang mit den beiden »Begründungen« für ihre Äußerung, Dich aus der Wohnung ausziehen zu lassen: »Ich verstehe, dass es ihr nicht gut geht. [Aber mir geht es auch nicht gut...«] Du verstehst etwas, etwas von der Stimmungslage Deiner Mutter nämlich. – Und der zweite Beleg steht jetzt in Deinem (mittlerweile vorletzten) Posting unter »Offen mit der Mutter reden«. Da schreibst Du: »Ich kann es verstehen; ich wäre wahrscheinlich auch ausgerastet, wenn jemand, der mit mir unter einem Dach lebt... sich so einkapseln würde.« – Da kannst Du ebenfalls etwas sehr Zentrales, Wichtiges nachvollziehen, kannst Dich ein sie »einfühlen«. Und genau das, nichts anderes ist ja… »Empathie«.

    »[Fühlen] Denken, Reden, Handeln«
    »[…] ich weiß es, ich weiß... dass, wenn ich es jedem recht machen will, wenn ich mich von vorne bis hinten verbiegen würde, nichts schön sein würde. Es geht ganz allein um meine Gefühle. Ich will mich in meinem Denken, Handeln, Reden und Tun einfach besser fühlen können.«
    Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Genauso ist es. Sich im eigenen »Denken, Handeln, Reden und Tun« besser zu fühlen, wohl zu fühlen, zuhause zu fühlen, das ist das Wünschenswerte. Das sind ja jetzt wirklich jene Felder, die das ganze Leben aus machen. Was fühlt sich denn momentan in diesen vier Feldern jeweils nicht gut an? (Es sind eigentlich zunächst nur drei, denn »Handeln« und »Tun« bezeichnen ja dasselbe. Dann sind es aber doch wieder vier, weil das Fühlen ja wiederum noch neu hinzukommen muss.) Fallen Dir vielleicht sogar ein paar Beispiele an?

    Dein Gedankentext
    zeigt ja wirklich sehr deutlich, wie stark Du Dich mit Dir selbst auseinandersetzt. Und ich finde es sehr berührend, wie ehrlich vor allem Du darin bist und wie ungeschönt Du auf Dich selbst blickst. (Und gleich der erste kleine Abschnitt enthält Beleg Nr. 3 dafür, wie sehr Du empathisch bist: Da schreibst Du ja über die vorweggenommene, vermutete Wechselwirkung zwischen Dir und den anderen. Und das ist hochgradig empathisch!) Bei aller Selbstkritik verlierst Du dennoch nicht aus dem Auge, dass es ja auch Dinge gibt, die Du gut machst und mit denen Du zufrieden bist. (»Ich mache vieles falsch, aber auch ein paar Dinge richtig.«) Das ist sehr gut und auch genau richtig so.
    Dann beschreibst Du noch »diesen Druck«, den Du Dir immer selbst machst – »Mach es richtig, mach es richtig!« –, und der ist natürlich von Bedeutung. Dir selbst ist vermutlich sofort und sehr genau klar, wovon Du sprichst, aber ich, als Außenstehender, ich müsste noch etwas mehr darüber erfahren, über diesen Druck: wann und wie er entsteht, wie er sich anfühlt, welche Folgen er für Dein »Fühlen, Denken, Sprechen, Handeln« hat. Vielleicht erzählst Du noch so ein bisschen?

    »Gift, Gift, Gift«
    Deine erste Formulierung lautete »Das Gift aus mir herauslaufen lassen«. Das war eine Deiner Themenüberschriften (20.11.). Jetzt verwendest Du dasselbe Wort wieder: »Gift, Gift, Gift«. Und da wollte ich dann jetzt doch mal nachfragen, wie sich das entwickelt hat, dass Du das Gefühl hast, dass dieses Wort im Zusammenhang mit dem Schneiden das passendste von allen ist. Was ist das für ein »Gift«, das da herausfließen muss? Denn es ist ja einfach sehr deutlich geworden, wie wichtig Dir die Gedanken und Gefühle zu diesem Wort sind.


    Jetzt noch kurz zu Deinem zweiten Posting (27.11.)


    »[…] irgendwie zufrieden damit. Und zum Anderen auch nicht«
    Das ist manchmal so. Manchmal sind unsere Gefühle nicht eindeutig. Dann haben sie viel eher ein »Sowohl-als-Auch«, als dass sie sie mit »Entweder-Oder« gut beschreiben ließen. Sie wechseln, sie schwanken… Aber: Sie werden sich auch ordnen. Wir wissen nicht, wann und schon gar nicht, wie. Aber sie werden. Uns obliegt es, die Zuversicht zu entwickeln, dass es sich klären wird: ein Vertrauen in »das Leben«.

    Freunde, Bekannte
    Das ist natürlich ein wichtiges Thema. Vor allem, wenn sie nun nach dem Ende der Schulzeit alle weggezogen sind und ihrer eigenen Wege gehen. Wie geht es Dir denn bei dem Gedanken daran, neue Kontakte zu knüpfen, also »echte« Kontakte, »offline«-Kontakte? Kannst Du Dir vorstellen, auf irgendeine Weise die Initiative zu ergreifen?


    Und dann ist da noch Deine Frage nach der
    Liebe

    Und mit großem Recht fragst Du am Anfang in der ganz allgemeinen Form: »Und nach was sehnt sich Mensch manchmal auch gerne?« Denn es ist nicht nur Deine eigene Sehnsucht, sondern in der Tat die Sehnsucht eines jeden menschlichen Herzens. Zugewandtheit, Zuneigung, Wärme, Zärtlichkeit, Halten und Gehaltensein: Wir spüren unwillkürlich, wie wichtig und zentral das alles in unserem Leben ist: Wenn wir’s haben, wissen wir, dass wir’s nicht missen wollen. Wenn wir’s nicht haben, wissen wir, wie sehr wir es ersehnen.
    Gewiss gibt es einen Unterschied zwischen »Verknalltsein« und »Liebe«. Aber es gibt keinen Grund, denke ich, das Verliebtsein grundsätzlich immer abzuwerten gegenüber der Liebe. Denn Verliebtsein ist stets ein Teil aller Liebe zwischen zweien. In die Liebe wachsen wir langsam hinein. Eine »Liebe« ohne Verliebtsein ist dauerhaft nicht tragfähig. Ein Verliebtsein kannst Du, im schönsten Falle, einfach nur genießen. das ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. ;-) Das »richtige Glücklichwerden«, eines, das in die Tiefe reicht und Dein Leben trägt, wird später eine Sache von Jahren sein. Aber selbst die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Und den können wir niemals auslassen.
    Natürlich ist Deine Sehnsucht einem Glück in der Liebe sehr verständlich. Und es ist nicht selten gerade die Sehnsucht, die uns bisweilen etwas Bestimmtes ganz energisch fordern lässt, zum Beispiel: »Ich will jetzt endlich glücklich werden!« Es geschieht jedoch ganz leicht, dass man sich selbst dann – und in der Liebe: auch den anderen – unter Druck setzt. Dann kann einem alles nur allzu bald entgleiten. Du darfst allem Verliebtsein seinen schönen Wert und seine Kostbarkeit belassen. Was dann darüberhinaus noch werden soll, das wird auch werden. – So weit für dieses Mal?


    Viele liebe Grüße!
    Achim

    P.S.: Ich muss noch mal nach Deiner Überschrift fragen, diesmal: »Ein langsamer, schleichender Prozess«. Mir ist nicht klar, worauf sie sich bezieht; vielleicht kannst Du das noch kurz nachholen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  18. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Es wird einfach nie wirklich vollkommen besser...

    Lieber Achim,

    __
    Ich werde heute nicht auf die Dinge antworten, die in Deinem vorigen Post erwähnt wurden - weil ich mich einfach mal "auskotzen" muss!

    Es ging ja vor Kurzem um die Liebe - und mein Denken, dass ich noch nie wirklich Liebe gespürt habe...
    Ich habe momentan viele Menschen um mich herum und da ist dieser eine Mensch, der wirklich sehr viel zu mir kommt, viel mit mir redet und seit Neustem auch mit mir mit dem Rad zur Arbeit fährt.

    Gut für mich, ankämpfen gegen die Raucherlunge!

    Doch meine Gefühle verwirren mich seitdem so ziemlich - ich interessiere mich schon für ihn und würde gerne Alles Mögliche über ihn erfahren...
    und doch will ich auch vorsichtig sein, Abstand halten...
    Zweifel habe ich sogar auch...
    denn er hat keine Beziehung bisher gehabt, ist genau so alt wie ich und...

    ACH MAN! Ich will das einfach nicht!
    Ich will nicht wieder das Gefühl haben müssen,
    dass ich mir vielleicht etwas einbilde - etwas, was garnicht vorhanden ist und doch vielleicht schon -
    wie genau fühlt sich denn die richtige Liebe an? Bilde ich mir etwas ein?
    Es kam so unerwartet wieder - und doch habe ich Angst, dass es wieder diese Sehnsucht nach Liebe ist und dass es garnicht wirkliche Gefühle sind...
    oder sind es doch richtige Gefühle?

    Die wirklich sehr verwirrte Sadstatue...

    PS: Meine Überschrift zum Letzten Posting spricht einfach meinen langsamen, schleichenden Entwicklungsgang an... ich habe das Gefühl, mich momentan in Zeitlupe und im Kreis und... einfach auf der Stelle zu bewegen... es geht einfach kaum ein Stück voran und doch irgendwie schon und dann kommt doch wieder ein Rückstoß... und kein Plan... warum kommt jetzt wieder "Liebe" dazwischen...
     
  19. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,273
    Ort:
    Bonn
    »Echte Gefühle«

    Liebe Statue!

    Auch wenn es Dich erstmal eher verwirrt als erfreut, dass da jemand ist, für den Du Dich interessierst: Es muss ja überhaupt erst einmal jemand da sein, wenn es auch nur in der Theorie die Möglichkeit geben soll, dass sich etwas »bewegt« auf diesem Gebiet. ;) Natürlich verstehe ich Deine Zweifel und Deine Selbstzweifel. Und ich verstehe auch, dass Du Dich hin und hergerissen fühlst zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Wunsch nach Abstand. Das ist in der Tat schwierig, weil diese beiden Wünsche ja wie zwei Pferde sind, die in die entgegengesetzte Richtung galoppieren. Beide Wünsche sind sehr verständlich – aber sie vertragen sich nicht gut miteinander. Die Zeit wird es zeigen.

    Um ehrlich zu sein: Ich denke nicht, dass Du Dir etwas einbildest. Weder Deine Sehnsucht ist eingebildet, noch Deine Skepsis. Also ist Deine Zerrissenheit ebenfalls echt. Das alles sind ja sehr echte Gefühle. Und wenn »dieser Mensch«, wie Du ihn nennst, Dich morgens von zu Hause abholt und nun von sich aus viel mit Dir redet, dann kann das ja schwerlich etwas anderes heißen, als dass er Deine Nähe sucht. Natürlich kann Dir so von außen niemand sagen, wie sich »echte Liebe« anfühlt. Aber Du kannst versuchen, wie vorsichtig auch immer, nicht abweisend zu sein, sondern etwas… wie soll ich sagen… Luft an Dich heranzulassen. Wie gesagt: wie vorsichtig – und wie langsam – auch immer. Hier muss ja nichts schnell gehen, hier muss ja nichts mit Riesenschritten geschehen. Manchmal ist es sogar sehr wichtig, dass Dinge langsam geschehen. Dann wächst etwas. –

    Es ist ja überhaupt nicht schlimm, dass Du die Themen aus meinem Posting jetzt erst einmal beiseitegeschoben hast. Die laufen nicht weg, und Du kannst jederzeit darauf zurückkommen und sie Dir ein wenig »vorknöpfen«, entweder alle auf einen Rutsch oder eben immer so ein bisschen scheibchenweise, also auf ein paar Postings Deinerseits verteilt. Das kannst Du ja einfach so handhaben, wie es für Dich am besten passt. ;)


    Viele liebe Grüße!
    Achim

    P.S.: Was gibt es Neues aus der Werkstatt? Macht es Dir Spaß, fühlst Du Dich wohl dort?
     
    Zuletzt bearbeitet: 10 August 2019
  20. Sadstatue

    Sadstatue Benutzer

    Registriert seit:
    12 Oktober 2016
    Beiträge:
    41
    Zerissenheit

    Lieber Achim,

    ich und dieser interessante Mensch haben nun so ein paar Tage hintereinander was unternommen - halt das zusammen zur Arbeit fahren, in den Pausen quatschen...
    er ist immer mal wieder in meiner Nähe, redet mit mir, schaut, ob es mir gut geht - zeigt auch von sich aus ein Interesse.
    Und ich bin immer noch so verwirrt... hin und her gerissen und doch ist es klar geworden: Ja, diese Verwirrtheit meines Inneren geht von ihm aus und ich habe Interesse an ihm. Und Gefühle.

    Diesen Samstag haben Wir nun Uns getroffen und an meinem Rad herum gewerkelt - und ich muss nun einmal meinen Gedanken los werden, welcher mir die ganze Zeit durch den Kopf flog: Man, er sieht verdammt HEIß aus, wenn er ernsthaft an etwas arbeitet.
    Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet, mit ihm geredet... und es war einfach nur schön. :)
    Seine Nähe genieße ich sehr und auch mit ihm zu reden.

    Und nun das, was mich halt so stutzig macht - zuerst: Er hat auch keine leichte Zeit hinter sich, soweit ich das in Erfahrung bringen konnte.
    Er wurde auch in der Schule gemobbt, hat anscheinend eine schwierige Familie - wenn ich das richtig heraus gehört habe... und er "passt sich den Menschen an"... also er hat selbst von sich aus gesagt, dass er sich selbst mit Menschen umgibt, die er nicht leiden kann.
    Er ist zu allen sehr nett. Und er beherrscht sich sehr, wenn jemand etwas dummes macht. Positiv, klar. Doch ich mache mir einfach Sorgen, dass ihm das nicht wirklich gut tut.
    Ich weiß einfach nicht so genau, wie sein Inneres komplett aussieht.
    Ist er privat glücklich oder unglücklich?
    Woran denkt er?
    Was macht er, was ist sein Filter für diese schwere, angepasste Art...
    Ich stelle es mir nicht leicht vor.
    Wenn mir ein Mensch nicht passt, halte ich Abstand zu diesem.
    Doch er bleibt freundlich, geht auch selbst auf diese Personen dann zu.

    Und... er hatte bisher noch keine Freundin.
    Er ist genau so alt wie ich und hatte noch keine Erfahrungen in diesem Bereich... sagt von sich aus, die Person, mit der er seine ersten Erfahrungen haben möchte, soll seine große Liebe sein - mit der er alt werden will.

    Ich fühle mich... so "unrein". Denn er ist eine sehr reine Seele.
    Und ich will ihn nicht "beschmutzen"... kann es nicht anders ausdrücken... ich habe Angst, wenn es wirklich zu großer Nähe kommen sollte, ihm eine Erfahrung zu stehlen, die ein besserer Mensch ihm geben könnte...
    denn ich bin ja weitgehends zerbrochen... kaputt...

    Sadstatue

    PS: Mir geht es soweit in der Werkstatt sehr gut. :) Ich habe schon einige Werke vollbracht, die auch vom Meister als sehr gut bewertet wurden.
    Es macht mir immer noch sehr viel Spaß. Danke der Nachfrage.