Gedanken

Dieses Thema im Forum "Kummer, Sorgen, Probleme" wurde erstellt von mw1122, 8 Dezember 2016.

  1. mw1122

    mw1122 Neuer Benutzer

    Registriert seit:
    8 Dezember 2016
    Beiträge:
    3
    Hey,
    ich bin 15 Jahre alt und wollte einfach mal meine Gedanken zu einem bestimmten Thema hier loswerden, in der Hoffnung, dass es doch noch jemanden gibt, der nachvollziehen kann, was ich denke, denn mittlerweile werde ich von den meisten meiner Freunde für meine Gedanken für ziemlich verrückt gehalten :rotfl:
    Es geht im Großen und Ganzen um Selbstzweifel, was ja schätzungsweise in meinem Alter nicht gerade unnormal ist, aber es ist dann doch irgendwie anders als bei allen anderen, gerade weil ich mich unverstanden fühle. Niemand denkt wie ich, oder hat ansatzweise mit den gleichen Gedanken zu tun, was mir etwas Angst macht und mich leicht verunsichert. Aber jetzt erstmal zum eigentlichen Problem:
    Ich glaube ich bin ein Mensch, der von Natur aus unglaublich gerne Philosophiert, analysiert und interpretiert. Mir macht es Spaß, mich mit Sprache auseinandersetzen und Sachverhalte zu beobachten. Und daraus resultiert mein Problem. Ich fühle mich zurzeit unglaublich ungebildet, auch wenn ich weiß, dass das für meinen derzeitigen Leistungsstand auf dem Gymnasium nicht unbedingt zutreffen mag. Mit meinen Noten bin ich zufrieden, eher ist die Ursache des Unwohlseins, dass ich gerne viel mehr wüsste, als ich es tue. Am liebsten alles auf einmal. Es werfen sich mir Fragen auf, die für die meisten meiner Freunde unbegreiflich scheinen. Ich würde meine Gedanken über Gott und die Welt gerne in Texten niederschreiben, aber mit jedem Wort, dass ich mir ausdenke werde ich unzufriedener mit mir selber und meiner Art mich zu artikulieren, auch wenn das im Normalfall vollkommen ausreichend wäre. Es sind nur die Zweifel an mir selber, dass ich es gern besser können würde. Ich würde gerne Gedichte schreiben, aber ich möchte das auch vollkommen tun. Mit Metrum, reinem Reimschema und Aussagen, die stark und unmissverständlich klar gemacht werden. Und ich kann es nicht lassen mich mit riesengroßen Poeten zu vergleichen und mich daraufhin für meine vergleichsweise schwache Leistung zu verurteilen. Aber es ist nicht ausschließlich die Art und Weise etwas darzustellen, es ist darüber hinaus der Inhalt, über den sich niemand im meinem Freundeskreis Gedanken zu machen scheint. Ich denke gerne über das Leben in all seinen Facetten nach, bin aber meistens mit meinen Gedanken allein, da mich entweder niemand versteht, sich niemand dafür interessiert oder einfach nicht diskutieren will. Ich bin beeinflusst von Analysen, Interpretationen und Hochdeutschen Standarts und habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass es so ist, möchte es aber dennoch nicht war haben. Meiner Meinung nach hätte man sich viel eher der Kreativität des eigenständigen Denkens hingeben müssen. Wir sind doch alle verloren in der Unmündigkeit der Sprachgesellschaft. Geformt von jahrelangem Elitedeutsch. Und wer entscheidet den Dreck? Selbsternannte Hobbylinguisten oder was? Danke Nein ich verzichte. Aber wie, es geht ja nicht verdammt mein Gehirn ist dem verfallen was einen großen Bestandteil der Gesellschaft formt. Ich will das nicht, aber kann mich schon lange nichtmehr dagegen wehren. Und das ist nur ein Teil meines nicht enden wollenden Gewissenskonflikt. Liege ich falsch mit meinen Behauptungen zu sagen, dass wir von Klein auf keine Möglichkeit zur freien Entfaltung haben? Alle reden davon, dass der Mensch frei ist alles zu tun, niemand denkt an Kopfsachen. Gewissenskonflikte mit dem Ich sind unvermeidbare stets existente Lebensinhalte, beim Versuch diese zu vermeiden schiebt man sein Gehirn immer weiter in den Kopf zurück bis es wie bei den meisten Menschen zu schrumpfen beginnt. Aber ich will das nicht ich will meine Gedanken teilen, weiß nicht wie und mit wem weil mich ja doch niemand versteht. Man fühlt sich eingeengt und allein gelassen. Naja aber wer ist es denn der einen einengt? Eigentlich ist es niemand als man selbst, man kennt Standard und Norm, auch wenn das nur zwei weitere Wörter sind die wir uns ebenfalls aneignen mussten. Wir sind rudimentäre Existenz, die alle nach Schema F ablaufen. Ich will meine Umwelt aufsaugen wie ein Schwamm, nur dass meine Schwammigkeit mit jeder Deutschstunde immer mehr aushärtet. Irgendwann wird aus dem Schwamm eine Art Stein, dem man anderen an den Kopf wirft, deren Schwämme noch von Wissbegierigkeit triefen um diese aus den Schwämmen anderer rauszupressen bis auch eine weitere Existenz "passend" geformt wurde. Und ja vielleicht spreche ich metaphorisch. Aber ich würde die Metapher an sich nicht kennen, hätte ich nicht bis jetzt 10 Jahre in der Schule verbracht. Und würde es was an der Metapher selbst ändern? Nö Ist der Schlüssel zum Glück sich selbst perfekt zu inszenieren, oder versinkt der Mensch in Selbstinszenierung sodass er vergessen hat wer wen inszeniert und wofür? Wird man intensiv frei dadurch, zu glauben man ist frei oder es zu spüren? Hat man den Drang danach etwas wissen zu wollen, so lange wie man lebt oder nur so lange bis man die unvermeidbare Wahrheit über seiner selbst erfährt? Das alles sollen keine rethorischen Fragen sein, auch wenn der Durchschnittsmensch mit seiner Denkweise natürlich sofort daran gedacht hätte. Ich kenne diese Antworten nicht und glaube nicht dass irgendjemand mir diese Antworten geben kann.
    Das alles steckt in mir drin, aber ich kann es nicht in der Weise ausdrücken, wie ich es gern würde und es mit niemandem teilen. Wenn es irgendwen gibt, der ansatzweise so denkt wie ich, dann lasst es mich einfach wissen :D
     
    Zuletzt bearbeitet: 8 Dezember 2016
  2. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,269
    Ort:
    Bonn
    Hallo, liebe/r mw1122!

    Das sind ja ganz schön große gedankliche Brocken, die Dich da umtreiben und Dir innerlich keine Ruhe lassen; ich muss schon sagen! Und um es gleich vorwegzunehmen: Du dürftest einigermaßen richtig liegen mit Deiner am Schluss geäußerten Vermutung, dass Dir wohl niemand eine Antwort darauf geben können werde – und schon gar keine, die Dich innerlich zufriedenstellt, keine, in der Du Dich selbst so wiederfinden könntest, dass Dein Erkenntnishunger wirklich gestillt wäre. Das heißt aber durchaus nicht, dass das Fragen und Zweifeln in sich deshalb bereits nutzlos wären, im Gegenteil! Ohne Fragen, ohne Zweifel gibt es keine Erkenntnis. Ohne den Drang danach, Wahrheit zu erkennen – gibt es keine Entwicklung der Menschen und der Welt. Das heißt auch, dass es ohne Fragen und Zweifel keine Verbesserung geben kann. Auf eine irgendwie paradoxe Weise sind also gerade unsere Fragen und Zweifel – und nicht unsere Errungenschaften – der Motor, der Antrieb für alle Veränderung, Entwicklung, Verbesserung unter den Menschen und auch in Bezug auf die Erkenntnis Gottes.

    Ich verstehe Deine bohrende Unzufriedenheit mit Deiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, die partout keinen Frieden finden will. Es ist eine sagenhafte Ungeduld mit sich selbst, eine Ungeduld bis hin zu einer Unduldsamkeit gegen sich selbst, die einen bisweilen aus der Haut fahren lassen kann! Rein objektiv, in der Tat, wirst Du die meisten Deines Alters, sprachlich mit links überflügeln können; Dein Eintrag hier allein legt bereits ein beredtes Zeugnis davon ab, was Dir an sprachlichen Mitteln zur Verfügung steht. Aber das hilft ja nicht, Deine subjektiv empfundene Diskrepanz zu schließen zwischen dem, was – und wie – Du (Dich) ausdrücken können möchtest, und dem vermeintlichen eigenen Mangel an Möglichkeiten, der Dir alle innere Ruhe raubt. –

    Was tun?, sprach Zeus.

    • Das Beste ist vermutlich das, was Du am Ende Deines Eintrags – und mit Deinem Eintrag hier überhaupt – versucht hast: Menschen zu finden. Menschen, mit denen Du reden kannst, Du brauchst ein Gegenüber. Oder mehrere. Leute, mit denen Du eben diskutieren kannst, damit Du innerlich nicht zerplatzt, richtig? Falls es also so etwas an Deiner Schule noch nicht gibt, dann würde ich sagen, geh zum Direx (oder zu einem entsprechenden Lehrer) und frage, ob es nicht möglich wäre, eine Philosophie-AG einzurichten.

    • Erfahrungsgemäß – man sollte es spontan vielleicht nicht glauben, ist aber so – bietet eine Theater AG ganz ähnliche Qualitäten! Um nämlich gemeinsam ein Stück zur Aufführung zu bringen, muss man es sich gedanklich erarbeiten. Zusammen, mit anderen. Man muss sich da richtig reinknien, sonst wird das nichts. Aber wenn es gelingt, gemeinsam, zu mehreren, dann entsteht etwas, das nicht mit Worten zu beschreiben ist, sondern erfahren werden muss. (Ich persönlich würde das einer philosophischen Gesprächsrunde sogar noch vorziehen.) Und natürlich: auch selbst ins Theater gehen. Manchmal gibt’s Schüler-Abos!

    • Fang an, alles, was Dir in die Hände fällt, zu lesen. Hesse, Goethe, Schweitzer, Voltaire, Rousseau, Bonhoeffer, Brecht, Michener, Lasker-Schüler, Das Tagebuch der Anne Frank, Luise Rinser und all die anderen, die Du selbst für Dich entdecken wirst im Laufe der Jahre. Romane, Erzählungen, Gedichte, Kurzgeschichten, Reiseberichte aus alten Zeiten, Science fiction, Fantasy. Welche Probleme und Konflikte werden dort geschildert?

    • Mach es zur Abwechslung mit Filmen genauso. Im 20. Jahrhundert sind unglaublich intensive sozialkritische Filme entstanden: Frankreich, Schweden, Japan, Polen, Deutschland – und natürlich auch Amerika. Finde heraus, was einen Film für Dich ganz persönlich zu einem »guten« oder sogar »herausragenden« Film macht, zu einem, der wirklich einen bleibenden Eindruck bei Dir hinterlässt.

    …und immer dieselbe Frage: Wo berührt es mich; was davon findet sich in meinem eigenen Leben wieder?

    1 und 2 sind Beispiele für etwas, das Du mit anderen zusammen machst, sogar machen musst, 3 und 4 sind Beispiele für etwas, das Du Dir allein aneignest. Beides kann außerordentlich erfüllend sein. Man kann sie immer abwechseln, und manchmal kann man sie auch kombinieren. Beides hat seine Zeit, und beides gewährt Möglichkeiten, die das jeweils andere nicht zu bieten hat.

    Die Themen, die Du Dir selbst gestellt hast – soweit Dein Eintrag das erkennen lässt – lauten: Sprache, Freiheit, Sinn und Glück, Gewissen, Gott. Bleibst Du dabei, wird Dir bis an das Ende Deines Lebens gedanklich nicht langweilig werden. Sie können der Filter sein, durch den Du die Welt siehst – durch den Du jedes Thema sehen kannst, sogar sehen musst, das wirklich von Bedeutung für Dich ist. Und Du kannst jedes dieser Stichwörter auch selbst zum Thema Deiner Betrachtung machen.


    Und... was schließlich noch die sprachliche Gestaltung betrifft: Keine Sorge. Don’t panic. Du wirst mit der Zeit Deine eigene Schriftsprache finden, in Gedichten genauso wie in der Prosa. Es gibt nur eine Bedingung: Dich einzulassen auf das ewige Wechselspiel von Schreiben und Löschen, von Schreiben und Verbessern, von Schreiben und Verwerfen, von Schreiben und Korrigieren. Irgendwann wird sich herauskristallisieren, was »Du« bist. Und es wird sich »aushärten«, wie Du sagst (diesmal ganz positiv aufgefasst). Ganz bestimmt. Versprochen. »Hab Geduld in allen Dingen – vor allem aber mit dir selbst.« (Franz von Sales, 1567–1622, Bischof von Genf) Von allen Lektionen, die es zu lernen gibt, ist die von der Geduld mit sich selbst vielleicht die wichtigste.

    Eines interessiert mich noch persönlich: Was hattest Du im Sinn, als Du am Schluss Deines Eintrags von der »unvermeidlichen Wahrheit über sich selbst« sprachst?


    Viele herzliche Grüße zum 3. Advent!
    Achim
     
  3. irgendjemand

    irgendjemand Neuer Benutzer

    Registriert seit:
    26 Dezember 2016
    Beiträge:
    1
    Hallo Du, mw1122
    Es wäre sehr nett, wenn du die privaten Nachrichten erlauben würdest. Habe da etwas, das ich dir gern schreiben würde:)
     
    Zuletzt bearbeitet: 26 Dezember 2016
  4. mw1122

    mw1122 Neuer Benutzer

    Registriert seit:
    8 Dezember 2016
    Beiträge:
    3
    Hallo Achim!
    Ich weiß, ich antworte ziemlich spät, aber ich hatte in der Weihnachtszeit wenig Zeit mich mit mir selbst und letztendlich mit dem Ganzen hier zu beschäftigen. Mir hat die Antwort unglaublich weitergeholfen und dafür wollte ich mich bedanken! Ich habe in gewisserweise Bestätigung für meine Gewissenskonflikte gefunden und Antworten entnehmen können, die mir zufor niemand hat geben können. Ich finde es sehr freundlich, dass Sie sich die Zeit genimmen haben, sich mit meinen Problemen auseinanderzusetzen. Die Idee mit dem vielen Lesen wurde durch viele neue Bücher gleich in die Tat umgesetzt. Ich lese zurzeit quasi alles, was ich irgendwo finden kann. Sehr interessant fand ich bis jetzt "1984", "To kill a mockingbird" und vieles mehr! Aktuelles Buch: Dürrenmatts "Romulus der Große". Ich "fresse" mich zurzeit durch einen Haufen wunderschöner Gedichte und beginne auch damir, meine eigene Gedanken in Gedichtsform aufzuschreiben ohne unaufhörlich unzufrieden mit meiner Ausdrucksweise und mir selbst zu sein.

    Ich bin wirklich sehr dankbar für Ihre Antwort!


    Liebe Grüße!
     
  5. mw1122

    mw1122 Neuer Benutzer

    Registriert seit:
    8 Dezember 2016
    Beiträge:
    3
    Hab ich! :D
     
  6. Verwandlerin

    Verwandlerin Benutzer

    Registriert seit:
    29 Mai 2019
    Beiträge:
    21
    Hey,

    Die Wahrscheinlichkeit, dass du jemals wieder auf diesen Beitrag siehst, ist recht gering, trotzdem wollte ich ebenso fragen, ob ich dir eine Nachricht senden darf.
    Es würde mich wirklich interessieren, wie es heute in deinem Leben aussieht, auch weil ich die von dir beschriebenen Gedanken nicht nur verstehen, sondern auch nachempfinden kann, da ich selbst so dachte, bzw denke.
    Egal, ob du das noch liest oder nicht:
    Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, du bist deinen inneren Wünschen treu geblieben.