In unnötigen Sorgen gefangen

Dieses Thema im Forum "Andere/r Kummer, Sorgen, Probleme" wurde erstellt von Kätzchen, 22 September 2018.

  1. Kätzchen

    Kätzchen Neuer Benutzer

    Registriert seit:
    22 September 2018
    Beiträge:
    1
    Hallo,

    erst einmal ein paar Fakten über mich. ich bin 30 Jahre alt, seit einem Jahr verheiratet, habe einen Bruder, meine Eltern leben getrennt, haben aber beide neue Partner, ich habe zu allen ein sehr gutes Verhältnis, ich arbeite bei einer großen Firma in der Personalabteilung.

    Ich weiss garnicht wie ich anfangen soll, weil ich selbst nicht so genau weiss wieso ich mich in letzter Zeit nur noch mit Sorgen quäle.
    Meinen Mann ist Tunesier, wir haben uns vor ein paar Jahren im Ägypten Urlaub kennengelernt. wir haben dann 2 Jahre lang eine Fernbeziehung geführt und ich bin immer alle 2-3 Monate zu ihm gefahren. Ich weiss, jeder kennt so eine Geschichte, die immer gescheitert ist, weil der Mann es nicht ernst meinte und nur Geld oder eine Aufenthaltsgenehmigung wollte. Bei uns ist das anders, wir haben ganz lange überlegt wo wir leben wollen, aber ich kann mir das bisher einfach nicht vorstellen in Tunesien zu leben. Mein Mann hat erst einen Integrations-, und Sprachkurs gemacht und sich dann eine Arbeit gesucht. Wir haben ein gemeinsames Konto an das er nie rangeht, sondern mich ab und an mal nach Taschengeld für eine Tasse Kaffee fragt :) Er gibt mir nie das Gefühl mich nicht zu lieben, ganz im Gegenteil, er macht wirklich alles für mich und ist, gerade in letzter Zeit, total verständnisvoll, obwohl ich behaupten würde nicht einfach zu sein momentan.

    Damit kommen wir zu meiner ersten Sorge, ich habe total Angst, dass mein Mann mich irgendwann verlässt, ob es nun nach den "benötigten"drei Jahren Ehe ist, oder auch davor oder danach. Er gibt mir wirklich keinen Grund, aber dieser Gedanke geistert seit Woche in meinem Kopf und wird immer schlimmer.
    Ich mache mir auch ständig Sorgen um ihn, ist ihm die Arbeit zu schwer, hat er Ärger mit seinen Kollegen oder seinem Vorgesetzten, steht er rechtzeitig auf, hat er genug gegessen, schmeckt ihm mein Essen, ist er glücklich? Ich würde ihm am liebsten alles abnehmen, damit er selbst nichts machen muss und das setzt mich so unter Druck das ich manchmal kaum schlafen kann oder mich auf nichts anderes konzentrieren kann. Ich weiss nicht wo das herkommt, ich meine, natürlich muss ich viel in die Hand nehmen, weil sein Deutsch noch nicht perfekt ist oder ich einfach besser weiss wie hier alles läuft, aber ich habe momentan das Gefühl ich müsste ALLES machen, was Quatsch ist, ich weiss, aber ich komme aus meinen Gedanken nicht raus.
    Hinzu kommt, dass ich im Juni, nach 10 Jahren, meine Arbeitsstelle gewechselt habe. Meine Kollegen haben mich super aufgenommen und die Arbeit macht mir eigentlich Spaß. Ich sage eigentlich, weil ich oft super wenig zu tun habe und manchmal einfach nur 8 Stunden rumsitze und so gut wie nichts machen muss. Das hört sich für manche wie das Paradies an :) für mich ist das aber wirklich schlimm. Mal abgesehen von der Langeweile, ich fühle mich einfach überhaupt nicht gebraucht. Das war in meinem vorigen Job das krasse Gegenteil, da war so viel Arbeit, dass ich nie pünktlich gehen konnte und einfach nie ein Ende sehen konnte.
    Dieser neue Job ist total gut bezahlt und ich habe einen ganz kurzen Arbeitsweg, also eigentlich perfekt und trotzdem bin ich unzufrieden.

    Ich weiss, dass ich eigentlich kein Problem habe, komme aber aus dieser Schleife nicht raus und hänge nur noch in meinen Gedanken fest. Ich denke ich muss einfach mal mit jemandem reden, weiss aber nicht mit wem. Mein Mann kann mir die Sorgen nicht nehmen, er ist ja nun mal ein großer Teil davon und Familie/Freunden möchte ich das nicht erzählen weil ich mich einfach schäme und auch nicht hören will, dass in meiner Beziehung etwas nicht stimmt wenn ich solche Gedanken habe.
    Zu wem geht man? Zu einem Psychologen? Ist das nicht ein wenig übertrieben? Ich weiss es einfach nicht.
     
  2. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

    Registriert seit:
    17 Mai 2007
    Beiträge:
    1,281
    Ort:
    Bonn
    Liebe(s) »Kätzchen«,

    ich staune! Nun ist es doch sage und schreibe genau ein Jahr und einen Tag her, wie mich ein kurzer unwillkürlicher Blick auf das Datum lehrt, dass Du Dich hier im Forum gemeldet hast, um Dir ein wenig von der Seele zu schreiben, was Dich damals (?) belastete: die Sorge um die Liebe zu Deinem Mann und Deine durchaus kräftezehrende Dauerunterforderung an Deinem neuen Arbeitsplatz. Vielleicht warst Du im letzten Herbst enttäuscht, dass sich niemand hier gemeldet hat, um auf Deinen Eintrag zu reagieren. Aber vielleicht ist es ja dennoch nicht zu spät, wenn ‒ obgleich mit einer solchen Verzögerung ‒ nun dennoch eine kleine Rückmeldung kommt, und sei sie auch nur ein paar Zeilen lang. Ich will es zumindest gern versuchen. ‒

    Natürlich kann ein Außenstehender nicht absehen, was sich während eines ganzen Jahres getan hat, und es mag daher von vornherein vollkommen unnütz erscheinen, auf einen Eintrag zu reagieren, der schon längst »nicht mehr wahr« ist. Und ich gebe also zu, dass mir nichts anderes übrigbleibt, als einfach so zu tun, als sei er gerade eben erst ganz frisch geschrieben worden. Ein kleines Experiment also, und Du, die Du nun beides kennst, Deine private und Deine berufliche Situation im September 2018 und im September 2019 gleichermaßen, wirst dann sehen, ob es sich gelohnt haben wird, das Experiment. Gut? ‒

    Du hast geschrieben:
    »ch habe total Angst, dass mein Mann mich irgendwann verlässt, ob es nun nach den "benötigten" drei Jahren Ehe ist, oder auch davor oder danach.«

    Verlustängste gehören sicherlich zu tiefsten, von denen wir Menschen heimgesucht werden können. Die Angst, allein zu sein, alleingelassen zu werden, erinnert uns oft ganz schrecklich deutlich an Situationen, die wir als Kinder erleben mussten: verlassen zu sein, zu werden, »mutterseelenallein« zu sein. Und ich verstehe sofort, dass Du am liebsten Himmel und Hölle in Bewegung setzen würdest, um nur ja und um jeden Preis sicherzustellen, dass Du ihm auf gar keinen Fall zu einem Stein des Anstoßes werden könntest, der ihn derart gegen Dich aufbringen könnte, dass er nichts mehr von Dir wissen will und sich von dir abwendet: Es wäre die vollendete Katastrophe, nicht wahr? Und so gilt es also, Dich über Deine Hilfe und Deine Fürsorge so nützlich und liebenswert wie gleichzeitig auch unentbehrlich zu machen, auf dass nur dieses Schlimmste vom Schlimmen nicht geschehen kann. ‒ Ja? Fühlt es sich so an… in etwa? ‒ Die Frage, die sich mir beim Lesen also so ganz unwillkürlich gestellt hat, war: Wie ist das womöglich gewesen, im Leben von »Kätzchen«, mit dem Verlassen- und Im-Stich-gelassen-Werden? Was musste das kleine »Kätzchen« wohl erleiden, dass die große »Katze« davon noch so heftig eingeholt werden kann, innerlich? ‒

    Und dann das andere Thema: die Unterforderung am Arbeitsplatz. Die dauerhafte Unterforderung ist genauso anstrengend und quälend wie die dauerhafte Überforderung. Die nehmen sich nichts. Das Gefühl, die Stunden gezwungenermaßen wie sinnlos zum Fenster hinauszuwerfen, ist äußerst quälend. Wenn uns so etwas widerfährt, dann spüren wir: Es sind wahrlich nicht nur irgendwelche Bürostunden, die wir da verschleudern. Sondern es ist unsere Lebenszeit. Das Kostbarste, das wir haben ‒ einfach leergesaugt und weggeworfen… ‒ Ich widerspreche Dir: Du hast sehr wohl ein Problem, ein sehr ernstes und belastendes sogar. Wäre es keines, dann hättest Du auch nicht geschrieben. Das alles drückt Dir auf die Seele.


    Viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim