Gedanken von Aussen

Dieses Thema im Forum "Beziehung, Partnerschaft" wurde erstellt von Domme, 8 März 2019.

  1. Domme

    Domme Neuer Benutzer

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    Hallo zusammen,
    ich weiß gar nicht, wie ich mein "Problem" in Worte fassen soll, aber im Moment brauche ich definitiv Mal ein paar Betrachtungen von Aussen.

    Meine Freundinn kritisiert an mir auch immer, dass ich in Gesprächen permanent auf das "große Ganze" komme und nicht in der Lage bin, bei einzelnen Aspekten zu bleiben. Deshalb, und weil ich nicht weiß, was relevant ist, muss ich wohl sehr weit vorn beginnen.

    Ich bin bei einer BorderlineMutter aufgewachsen, hatte 2 Scheidungen ihrerseits hinter mir und ziemlich viel familiären Mist, von emotionalem Missbrauch, bis zu einem kleinen Bruder, der Soziopath ist und meine Mutter schlug.
    Schon früh bemerkte ich, dass ich lesbisch bin. Mit 15 machte ich das offiziell.
    Meine Familie ist sehr offen, es war niemals ein Problem und mit 16 kam ich dann mit einer Frau (23) zusammen, die mir mitunter dabei half, Abstand von meiner Mutter und einer eher ungesunden Symbiotischen Beziehung zu ihr zu nehmen.
    Was mir damals noch nicht bewusst war, meine Partnerin verhielt sich nicht viel anders und viele Jahre später wurde bei ihr in etwa die gleiche Diagnose gestellt. Somit flüchtete ich mich in die nächste ungesunde symbiotische Beziehung.
    Sexuell lief es bei uns von vornerein nicht gut. Später habe ich erkannt, dass das schlichtweg daran lag, dass wir sexuell überhaupt nicht zusammen passten. Aber die emotionale anfangs - Liebe, später - Abhängigkeit hielt uns 8 1/2 Jahre zusammen.
    Es war eine sehr intensive und intime Beziehung, wir waren uns mental sehr nahe und haben uns aber auch ganz grausam gestritten, verletzt und auch hin und wieder körperlich weh getan. Es war ein permanentes auf und ab.
    Damals schon hatte ich den Eindruck, dass ich mit Sexualität schlecht umgehen kann. Ich war überfordert mit meinem starken Bedürniss nach Nähe und Sex, wusste nicht, wie ich meiner Partnerin das klar machen soll, ohne sie unter Druck zu setzen. Außerdem kam ich schlecht damit klar, nach längerer Zeit ohne Sex, mich wieder auf sie einlassen zu können. Irgendwann machte ich dann komplett dicht und sagte ihr, dass ich lieber gar nicht mehr mit ihr schlafen möchte, weil mich das hin und her meiner eigenen Gefühle nur noch stresst. Damit ging es uns dann auch besser. Keine Disskussionen mehr, kein Warten, Hoffen, keine Enttäuschung.
    ABer jegliche Körperliche Nähe ging mit diesem Moment an langsam zu Grunde. Ausser Rücken und Kopf graulen war irgendwann nichts mehr möglich.
    Nach 8 1/2 Jahren trennte ich mich dann von ihr. Ich glaube, dass natürlich auch die körperliche Distanz Anlass war, aber zum größten Teil hatte ich bemerkt, dass ich mich in der Enge dieser symbiotischen Beziehung nicht mehr bewegen kann und ich die gegenseitigen Verletzungen nicht mehr ertrage.

    Die Trennung war heftig und dauerte letztendlich fast zwei Jahre, weil wir uns kaum voneinander lösen konnten.
    Zwischenzeitlich hatte ich eine kurze Affäre mit einer Frau. Aber auch da war es sexuell schwierig. Ich hatte sowieso das Gefühl, dass sie mich für irgendeinen Zweck benutzte und Sex ihr Mittel war. Letztendlich habe ich sie glaube ich kein einziges mal befriedigen können und verlor sehr schnell die Lust an diesen Begegnungen, vor allem weil ich mir einbildete, mich in sie verliebt zu haben.
     
  2. Domme

    Domme Neuer Benutzer

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    Ein Jahr später kam ich mit meiner jetzigen Freundinn zusammen. Ich kenne sie schon seit 15 Jahren. Die letzten 4 Jahre meiner vorherigen Beziehung waren wir sozusagen Paarfreunde. Sie mit ihrem Freund, ich mit meiner Freundinn. Wir lebten auch zusammen.
    Aus vielen alkoholischen Flaschendrehabenden kannte ich ihre Sexualität mit ihrem Partner auch sehr gut.
    Wie auch immer das passierte, wir wurden ein Paar.
    Mit ihr hatte ich das erste Mal in meinem Leben (mit 26) Sex der funktioniert hat und wunderschön war. Wie das so ist am Anfang, konnten wir kaum voneinander lassen und sie schwärmte danach immer so davon, wie schön es mit mir ist und wie ich genau wüsste, wie und wo ich sie anfassen, küssen......muss.
    Natürlich wurde das irgendwann weniger und auch wenn es immer noch schön war, kam hin und wieder meine Angst hoch aufgrund der vorherigen Erlebnisse.
    Meine Freundinn sagt von sich, dass sie ein Problem hat und das auch schon mit den Männern zuvor in den Beziehungen hatte, dass sie kaum Lust auf Sex hat und wenn, sich dann kaum darauf einlassen kann.
    Leider weiß ich aber aus der vorherigen gemeinsamen Freundschaft, dass sich das nicht ganz so verhält. Ich konnte die beiden ja sogar hören, von unserem SChlafzimmer aus.
    Vor zwei Jahren (also nach 4 Jahren Beziehung) hat es dann angefangen, mich sehr zu belasten, weil ich mich immer wieder an einem Punkt wiederfand, ann welchem ich früher mal war. Dass es mir schwer fällt, mich nach längerer Zeit wieder auf sie einzulassen. Lauter Blockaden und Selbstzweifel.

    Zudem war jedes Mal, wenn ich darüber reden wollte, ihr scheinbares Problem zum Thema geworden. Dabei wollte ich doch nur sprechen. Darüber, wie es mir geht, wenn wir uns länger nicht nahe waren und dass sie vielleicht ein wenig verstehen kann, dass ich dann blockiert bin. Aber diese Gespräche endeten bei ihr und dann wurde sie still und meinte, das Thema würde sie belasten, sie wolle nicht mehr darüber sprechen, werde sich aber Gedanken machen. Ein paar Monate später versuchte ich wieder darüber zu sprechen, und wieder das selbe.
    Ich gehe nach wie vor nicht davon aus, dass sie ein Problem hat. Es gibt so viele Menschen, die eben weniger Sex brauchen / wollen, als andere und letztendlich wollte ich mich nur mit ihr austauschen, ihr meine Seite erklären und vielleicht eine Lösung finden (vllt einen festen Tag pro Woche, oder ein gemeinsames Ritual, um es mir zu erleichtern, wieder auf sie zuzugehen).
    Ich wurde auch immer zaghafter. Sie hatte es von anfang an genossen, dass ich eher die dominante war, aber zunehmend traute ich mich nichts mehr, weil sie mich so oft abgewiesen hatte und sich das jedes mal ziemlich schmerzhaft angefühlt hat.
    Ich habe dann Bücher gelesen, mich in Selbstkritik geübt und alles mögliche versucht.
    Immer schick machen, wenn wir beieinander sind.
    Nicht so viel über alltägliches sprechen.
    Kommunikationsformen ohne Anklage erlernen.
    Ihr Zeit und Raum geben.
    Ich hatte sie gefragt, ob sie Vorlieben hätte, die ich, oder jmd anders ihr erfüllen könnte-nein
    ich hatte sie gefragt, ob sie das Bedürfniss hat, mit Männern zu schlafen-nein

    Nachdem das alles nichts geholfen hatte, habe ich vor etwa einem Jahr beschlossen, dass ich uns beide vllt einfach zu sehr unter Druck setze.
    Ja, vllt ist meine definition von Sex mit dem Menschen den ich liebe nicht "nur" einmal in 1-2 Monaten, aber ich liebe sie und will mit ihr zusammen sein und für sie scheint das ja so zu passen. Und was für eine Rolle soll Sexualität denn einnehmen? Auch wenn es mir sehr schwer fiel, habe ich versucht, mich dann, wenn sie Lust hatte, darauf einzulassen und es zu genießen. Die daraus gewonnene Nähe in vollen Zügen auszukosten und ansonsten auf mich selbst und meine gute Phantasie zu bauen.

    Und dann kam das Ereigniss, dass alles verändert hat, vor allem in mir.
    Im Sommer ist sie mit einem Typen ins Bett gegangen.
    Am schlimmsten war für mich, dass sie gewusst hat, was das anrichten wird. Und das sie zwar meint, danach komplett ehrlich zu mir gewesen zu sein, ich mich aber irgendwie von ihr belogen fühle.
    Wenn sie meint, dass es nichts damit zu tun hatte, dass das ein Mann war.
    Wenn sie meint, sie hätte nicht wissen können, dass mich das so sehr verletzen würde.
    Wenn sie meint, mir verprechen zu können, dass das so nicht mehr vorkommen wird.
    Wenn sie vermutet, sie hatte ihren Eisprung und das hätte unbewusst dahin geführt
    (obwohl ich schon lange immer wieder frage, ob wir vllt Kinder wollen)
    Sie hat darauf nicht nur einmal geantwortet, dass ihr das so unnatürlich vorkommt, weil wir dafür halt nicht einfach nur Sex haben können.


    Wir hatten direkt danach eine sehr intensive Woche. Aber seit dem geht alles berg ab.
    Es sind in mir so viele Dinge geschehen, dass ich nicht weiß, ob ich sie benennen kann, aber ich glaube, ich brauche Hilfe.
    Ich meine, ich habe ihr das Geschehene vergeben, vor allem weil mein Verstand sowieso weiß, dass sie nicht mir gehört und letztendlich machen kann, was sie möchte, ohen dass ich darauf einen Einfluss haben kann/darf.
    Nachdem das passiert war, hat sie mir versprochen, dass wir ab jetzt regelmäßig miteinander schlafen und nach ein paar Tagen, wenn es nicht so ist, miteinander sprechen. (ich wollte gar kein solches Verprechen von ihr!!)
    Aber natürlich ist das ganz schnell wieder zur alltäglichkeit verkommen und ihr scheint das auch egal zu sein.
    Jetzt tue ich mich noch schwerer, mich auf sie einzulassen und immer wieder bekomme ich die Bilder nicht aus dem Kopf.
    Zudem kann ich mich nicht mehr selbst befriedigen, weil ich keine Phantasien mehr finde. Wenn ich es doch mal tue, weil ich befriedigung brauche, ekel ich mich danach vor mir und jeglicher Sexualität.
    Ich muss dann immer an sie mit dem Typen, oder überhaupt an Typen denken.
    Es ist, als wäre ich der männlichen Sexualität viel zu nahe gekommen. Ich musste damit nie etwas zu tun haben, das war auch gut und o.k. so. Schließlich bin ich eine Frau und liebe Frauen, was geht mich da die männliche Sexualität an?
    Außerdem habe ich das gefühl, dass mit meiner Sexualität was nicht stimmt. Ich hatte bisher drei Sexualpartnerinnen und alle drei mal Probleme und muss das doch so langsam auf mich zurückführen.
    Wir haben jetzt schon wieder bestimmt seit 2 Monaten nicht miteinander geschlafen und ich habe Angst, mich auf sie einzulassen, weil ich verkrampft bin und befürchte, dass direkt danach alles noch viel schlimmer wird, weil mir dann wieder Wochen bevorstehen, in welchem ich mit ihrer abweisung umgehen muss und seit Sommer beziehe ich die halt noch mehr auf mich und was noch schlimmer ist, auf meine weiblichkeit.

    Ich hatte mit meiner Homosexualität nie probleme. Ich habe so gelebt und geliebt, wie alle anderen und bin mit den seltenen Sprüchen cool umgegangen.
    Auch das hat sich jetzt irgendwie verändert.
    Ich kann mir mit ihr keine heterosexuellen Liebesfilme mehr ansehen (wo doch vorher Liebe liebe für mich war)
    Ich male mir aus, wie einfach alles wäre, wenn ich ein Mann wär. Auch ihr ein Kind zu machen.

    Eigentlich soll ich mit niemandem über das, was im Sommer geschehen ist sprechen. (wir haben viele gemeiname Freunde), aber wenn ich es besoffen doch einmal gemacht habe, sagen mir meine Freunde ins gesicht, dass sie sich das eh schon gedacht haben und ihr wohl was fehlt!!

    Wir suchen gerade Sexual,- und Paartherapeuten und auch da muss ich bemerken, wie schwer es ist, hier auf dem Land jemanden zu finden, der mit Homosexualität genauso umgehen würde wie mit heterosexualität.

    Es kann doch nicht sein, dass ich meine Sexualidentitätskrise mit über 30 bekomme, nachdem das nie ein Problem für mich war.

    Ich weiß, dass mir jetzt keiner einfach so eine Lösung hinschmeißen kann. Aber ich möchte einfach ein paar Gedanken von Euch dazu hören um in meiner eigenen Selbstreflektion wieder weiter kommen zu können.

    Und bitte: Kein Gesimpel zur Homosexualität. Weder muss ich ergründen, wo die herkommt, noch habe ich das Gefühl, jetzt heterosexuell zu werden!!

    Über ein paar Gedanken dazu würde ich mich freuen.....und.....sorry für den langen Text....das große Ganze halt;-)
     
  3. kathi

    kathi Benutzer

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    schwierig mit deiner Vergangenheit und deinen Erfahrungen. ich würde sagen wenn du dich betrogen fühlst, was du hier andeutest, geh auf abstand oder verlass sie.
    es gibt auch schon Therapeuten, die online Sitzungen machen. vielleicht wäre das was.
    ansonsten es ist gut dass du so gut mit deiner Homosexualität umgehst. nicht jeder kann das.
    mein rat konzentrier dich auf dich und was dir wichtig ist. denk nicht darüber nach was andere von deinen Entscheidungen halten werden. du weißt am besten was für dich richtig ist
     
  4. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

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    Liebe Domme,

    ja, da hast Du recht: Das ist jetzt wirklich einmal »das große Ganze« gewesen. Zu lesen ist es leicht. Wer aber antworten will, wird augenblicklich spüren, dass das mit einer Handvoll kerniger Sätze wahrlich nicht getan ist. Ich denke aber, dass das auch gut so ist. Es ist gut, sich Zeit zu nehmen, es ist gut, in Ruhe nachzudenken. Anders wird es ganz gewiss nicht gehen, als ohne Druck ‒ und ehrlicherweise auch ganz ergebnisoffen ‒ dem einen oder anderen Strang Deiner langen Erzählung ein paar Gedanken lang nachzuspüren zu versuchen. Jedenfalls kann ich sofort verstehen, dass Du Dich mittlerweile, nach so vielen Jahren emotionaler Achterbahnfahrt, an einem Punkt angekommen fühlst, an dem sich der klare Blick für das Wesentliche und das nicht so Wesentliche getrübt hast ganz am Ende geschrieben: »Über ein paar Gedanken dazu würde ich mich freuen […]«. Vielleicht versuchen wir es also einfach, im Folgenden so »ein paar Gedanken« zusammenzustellen… ‒

    Im Grunde genommen war für mich gleich Dein erster Satz ein Schock beim Lesen: »Ich bin bei einer Borderline-Mutter aufgewachsen, hatte zwei Scheidungen ihrerseits hinter mir und ziemlich viel familiären Mist, von emotionalem Missbrauch bis zu einem kleinen Bruder, der Soziopath ist und meine Mutter schlug.« Ich habe einmal genau nachgezählt, und das Ergebnis lautet: sechs. In einem einzigen Satz sind sechs Katastrophen versammelt, von denen jede einzelne nur für sich genommen bereits für jedes Mädchen, für jedes Kind eine schlimme Belastung darstellt: 1 ‒ eine borderlinekranke Mutter, 2 ‒ Scheidung Nr. 1, ‒ 3. Scheidung Nr. 2, ‒ 4. emotionaler Missbrauch, 5 ‒ ein soziopathischer Bruder, der 6. ‒ seine Mutter schlägt. Sechs Katastrophen. Und da sind wohl noch längst nicht alle Einzelheiten von »ziemlich viel familiäre[m] Mist« nicht enthalten. (Denn natürlich ist mir z. B. sofort aufgefallen, dass in alledem, was Du erzählt hast in Deinem langen Bericht, Dein Vater nicht mit einer einzigen Silbe vorkommt. Dafür wird es mindestens einen sehr guten Grund geben.) Und wurde auch nur das Geringste davon weniger kompliziert, als Du feststelltest, damals, dass Du als Mädchen Mädchen liebst? Zumindest am Anfang wird auch das Dich noch einen schönen Haufen Energie gekostet haben. Kein Wunder jedenfalls, dass Du aus solchen Verhältnissen »flüchten« wolltest; wer wollte Dir das verdenken?!

    Als Nächstes erzählst Du von Deiner ersten Frau (23), mit der Du zusammengekommen bist, als Du 16 warst, Du noch eine Jugendliche, sie, obwohl erwachsen, doch ebenfalls noch immer jung. Alles in allem gilt bereits die Summe, die Du selbst ziehst: »Es war ein permanentes Auf und Ab.« Dass Zwischenmenschliches schwer, kompliziert sein kann, wahrlich, das wusstest Du ja längst. Du warst ja damit großgeworden. Aber jetzt kam, ganz und gar altersgemäß, etwas Neues dazu: Sexualität. Und gleich Deiner ersten Beziehung eröffnete sich Dir damit, wenn ich Dich richtig verstanden habe, augenblicklich erneut ein riesiges, im Grunde genommen unabsehbares Problemfeld! Es bedarf ganz gewiss keines Übermaßes an Phantasie, sich vorzustellen, dass die Asymmetrie Eurer sexuellen Bedürfnisse eine Dauerkrise auszulösen vermochte, die nicht einmal dadurch gelöst werden konnte, dass aus Angst vor Streit und erneuten Verletzungen schließlich Intimität zwischen Euch schließlich überhaupt nicht mehr stattfand… War eine glatte, schnelle Trennung da zu erwarten?
     
  5. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

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    Dann, nach einer kurzen Affäre, wie Du sagst, Deine jetzige Freundin. »Mit ihr hatte ich das erste Mal in meinem Leben (mit 26) Sex, der funktioniert hat und wunderschön war.« Mit 26. Volle zehn Jahre, nachdem Deine erste Freundin in Dein Leben getreten war. Was heißt das eigentlich: zehn Jahre lang ‒ in einer auch rein menschlich anstrengenden Beziehung ‒ sexuellen Frust zu erleiden? Feststellen zu müssen, dass die so sehr ersehnten »Freuden des Bettes« gar nicht existieren, sondern der Ausdruck »Last an der Lust« die Sache eigentlich viel, viel eher trifft? Und wieder dasselbe: »Meine Freundinn sagt von sich, dass sie ein Problem hat und das auch schon mit den Männern zuvor in den Beziehungen hatte: dass sie kaum Lust auf Sex hat und wenn, sich dann kaum darauf einlassen kann.« Dass Dich die Erinnerungen an die Schlafzimmergeräusche, die sie einst mit ihrem Freund verursacht hatte, zweifeln lassen an ihrer Glaubwürdigkeit ‒ wen wundert es? (Das ist jetzt mal ein Punkt, an dem sich vielleicht ganz praktisch ansetzen ließe: Über diese Veränderung ins Gespräch zu kommen, die da offensichtlich in ihrem Leben eingesetzt hat. Wie sieht ihre eigene Wahrnehmung dieses Punktes in ihrem Leben aus? Bemerkt sie sie überhaupt? Kann sie sich einen möglichen Auslöser dafür denken? Da wäre meine Aufmerksamkeit sicherlich geweckt.)

    Wiederum jedenfalls ist es ganz und ganz nachvollziehbar, dass Du in Deiner erotischen Werbung um sie immer zurückhaltender geworden bist. Zumal ja auch alle Deine Gesprächsversuche entweder eine ganz andere Wendung nahmen oder sogar regelmäßig ganz im Sande zu verlaufen pflegten: Musstest Du Dir da nicht vorkommen wie ein Don Quixote, der gegen Windmühlenflügel kämpft? Ist es da zum Verwundern, dass auch Du selbst dann immer größere Schwierigkeiten, immer größere Hindernisse bis hin zu regelrechten Blockaden verspürtest, die Initiative zu Zärtlichkeiten zu ergreifen, die Du Dir doch eigentlich selbst so sehr wünschtest ‒ und wünschst bis auf den heutigen Tag? Dass die Angst, etwas (unwiderruflich?) falsch zu machen oder aufdringlich zu sein Dich beinahe bis zur Bewegungslosigkeit lähmt (sogar Selbstbefriedigung ist nicht mehr möglich, schreibst Du ja) und Dich in tiefe Trauer stürzt?

    Es ist sehr richtig, dass Du das fragst: Welchen Platz soll Sexualität in der Liebe einnehmen, wenn die körperlichen und seelischen Dispositionen dermaßen weit auseinanderklaffen, wie Du es bei Euch wahrnimmst? Die Frage drängt sich ja nun mit aller Macht auf! Und ich bin auch weit entfernt davon, jetzt hier genau Bescheid zu wissen und sagen zu können, was richtig ist. Nur eines scheint mir dabei sicher zu sein: Ohne die innere Bereitschaft und auch die wirklich rein kräftemäßige Fähigkeit, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, wird es nicht gehen können. (Ich erwähne das so deutlich, weil Du ha geschrieben hast, dass sie dazu tendiert, still zu werden und dann nicht mehr weitersprechen zu können, weil diese Themen sie so schwer belasten. Diesem gälte also ebenfalls meine Aufmerksamkeit: Worin genau besteht diese Belastung, die ihr den Atem zu sprechen raubt? Was bräuchte sie, damit sie sprechen, sich mitteilen kann?) Wenn ich das richtig sehe, dann hast Du da allerdings ja schon Erhebliches geleistet: die Selbstkritik, das Studium der einschlägigen Literatur, Reden ohne Anklagen, dem anderen Raum und Luft lassen. Ja, Du bist ja sogar so weit gegangen, sie zu fragen, ob sie Bedürfnisse hätte, die evtl. andere als Du selbst, als ihre Partnerin, ihr erfüllen könnte. Und schließlich sogar den Mut zu haben und Dir ein Herz zu fassen, sie zu fragen, ob sie gerne mit Männern schlafen möchte, das bezeugt ja einen Grad von Weitherzigkeit, der sicherlich für viele ganz und gar nicht einfach fassbar ist. Eine hochriskante Frage war das eventuell: Hätte sie hier mit »Ja« geantwortet, dann hättest Du Dich gewissermaßen selbst in die absolute Ohnmacht hineinmanövriert, nicht wahr?

    Und dann kam es trotz ihres »Neins« auf diese Frage doch zum Gegenteil, erzählst Du. Ich kann gut nachvollziehen, dass Du Dich im Nachhinein von ihren Erklärungen, Erklärungsversuchen belogen fühlst. Und gerade deshalb nehme ich einmal, als Gedankenexperiment, das Gegenteil an. Nehmen wir einmal an, sie sagt die Wahrheit in all den Punkten, in denen Du Dich noch im Nachheinein fast noch einmal neu betrogen fühlst (»Wenn sie sagt, …«): Worauf würde das für Dich hindeuten? (Oder würde das überhaupt zu etwas führen, solchen Gedanken nachzugehen?) Ich weiß es natürlich nicht. Aber versuchen kannst Du es gedanklich vielleicht ja mal. Vielleicht gehört zu diesem gefühlten Belogenwerden ebenfalls noch, dass sie Dir das Versprechen gegeben hat, von nun an regelmäßig mit Dir zu schlafen, was dann wieder im Sande verlaufen ist ‒ ganz angesehen davon, wie »schief« ein solches Versprechen vielleicht sein muss; kann denn seelische Intimität, als die Grundlage langfristig erfüllender Sexualität, »versprochen« werden? Aber darüber müsste man vielleicht noch einmal gesondert nachdenken.

    Alles in allem bleibt mir die doch ziemlich sichere Feststellung, dass Du seit Jahren tust, was in Deinen Kräften steht, um an Dir selbst zu arbeiten, um auf sie einzugehen, um nach Lösungswegen zu suchen. Umso schmerzhafter muss es Dir sein, immer wieder und überall aufs Neue mit Deinen vielfältigen Anstrengungen zu scheitern. Fast unausweichlich muss es da erscheinen, dass Du kaum noch anders kannst, als die Schuld für all den Kummer und die Belastungen bei Dir selbst zu suchen. Wenn es mit allen drei Partnerinnen sexuelle Probleme gegeben hat, und zwar nachhaltig, dauerhaft, muss es denn dann nicht zwangsläufig an Dir liegen? Kann diese Frage denn überhaupt umschifft, umgangen werden? Drängt sie sich nicht nahezu auf, je länger, desto mächtiger? Vielleicht, ja. Und so ausführlich Dein Text auch ist, so ist doch sicher, dass er durchaus noch nicht alles enthält, enthalten kann, was zum Verständnis Deines Lebens im Allgemeinen und auch Deiner sexuellen Probleme wichtig ist. Es muss durchaus nicht so sein, wie Deine Befürchtung es nahelegt: dass Ursache, gar »Schuld« bei Dir zu suchen sind. Denke an Deinen ersten Satz zurück, den, mit dem Du Deine Erzählung begonnen hast; Er war Deiner Mutter gewidmet: Die erste Frau, der Du in Deinem Leben begegnet bist und die weite Teile Deines Lebens und Deiner Psyche geprägt hat, war hochgradig problembelastet. Nach allem, was wir mittlerweile aus der psychologischen Forschung über die Mutter-Kind-Bindung wissen, hat das Erleben der Mutter die weitestreichenden biographischen Konsequenzen für das Kind. Wenn Deine Selbstzweifel sogar an das Fundament Deiner Existenz heranzureichen vermögen, nämlich an Dein Frausein, an Deine Weiblichkeit, dann liegt mir, auch ohne Psychologe zu sein, die Frage nahe: Was bedeutet(e) Intimität, Sexualität eigentlich für Deine Mutter, im Leben Deiner Mutter?

    »Ich hatte mit meiner Homosexualität nie Probleme.« Wahrlich, es wäre so vielen zu wünschen, dass sie das sagen könnten ‒ und dass sie ähnlich wenig Zurückweisungen und Repressionen erleiden mussten, müssen und müssen werden wie Du. Umso irritierender muss es jetzt für Dich sein, erleben zu müssen, wie sich Gedanken melden wie derjenige, wie leicht doch alles sein könnte, wenn Du ein Mann wärst. Oder wie schwer ist plötzlich ist, auch nur einen heterosexuell angelegten Liebesfilm zu sehen, wie Du sagst. (Da erinnere ich mich gerade an Deinen Satz: »Es ist, als wäre ich der männlichen Sexualität viel zu nahe gekommen.«) Das zu erleben, muss wie ein Erdbeben für Dich sein, stelle ich mir vor.

    Einen Satz möchte vom Ende Deine Eintrags ich noch aufgreifen, einfach weil Du emotional so aufgeladen warst, als Du ihn schriebst: »Es kann doch nicht sein, dass ich meine Sexualidentitätskrise mit über 30 bekomme, nachdem das nie ein Problem für mich war.« Eigentlich gehört an das Ende dieses Satzes ein Ausrufungszeichen; denn das ist er: ein Ausruf, voller Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit, vielleicht auch Ärger, sogar Zorn; voller Frust und innerer Erregung auf jeden Fall, wie mir scheinen will. Wie ein emotionaler Blitzableiter wirkt er auf mich. ‒ Oh, es kann vieles sein und geben im Leben im Allgemeinen wie in der Liebe und der Sexualität im Besonderen. Wie es sich aber mit dem einen wie dem anderen im eigenen Leben verhält, wirklich und in Wahrheit, in der Tiefe also, das steht als Entdeckung stets erst am Ende eines langen Weges des tastenden Suchens. Sich auf dieser Suche therapeutisch begleiten zu lassen, ist fraglos eine gute und sinnvolle Entscheidung ‒ und ich hoffe und wünsche Dir sehr, dass Ihr einen Therapeuten, eine Therapeutin finden werdet.


    Soweit also einmal… »ein paar Gedanken dazu«. Falls Du möchtest, schreib einfach wieder, ob nun hier im Forum oder per PN. Das wäre jedenfalls mal so mein Angebot an Dich.

    Viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim
     
  6. Domme

    Domme Neuer Benutzer

    Registriert seit:
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    3
    Hallo Achim,
    Danke für Deine ausgiebige Antwort und Dein Verständnis.
    Schon, das alles mal niederzuschreiben hat mir ein gutes Gefühl beschert....mir ging es direkt besser. Und die Tatsache, dass sich jemand die Mühe macht, das zu lesen und zu verstehen und mit so vielen Worten zu antworten, tut gut.
    Vielleicht hat mir genau das ja auch gefehlt. Alles einfach mal auszusprechen und jemanden, der zuhört und Verständnis zeigt.
    Wir haben jetzt beschlossen, den eigentlich gemeinsam geplanten Urlaub getrennt zu verbringen. Dann werde ich sicherlich auch nocheinmal mehr Zeit zum Klarwerden haben.
    Kathi, mein Ziel war nie eine Trennung. Eigentlich geht es mir überwiegend darum, mit mir selbst klar zu kommen. Vielleicht haben die verschiedenen Dinge meines Lebens und das Verhalten meiner Freundinnen all das ausgelöst, aber letztendlich ist es jetzt mein Problem, mit welchem ich einen Umgang finden muss.

    LG
    Domme