Scham / A(-Sexualität) / Die Frage nach dem Leben

Dieses Thema im Forum "Probleme mit Sexualität" wurde erstellt von Verwandlerin, 29 Mai 2019.

  1. Misterio

    Misterio Benutzer

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    Mein Gott jetzt habe ich mich hier durch einen Chatverlauf durchgelesen der vor Gift nur so sprüht. Von daher werde ich zumindest darauf nicht weiter eingehen, denn das geht am Thema vorbei.

    Also Cut und zum Punkt:

    Ich habe deinen Beitrag komplett gelesen und finde, dass du zu sehr versuchst das Thema Sex bzw. sexuelle Handlungen für dich zu definieren. Durch den ganzen Text zieht sich deine innere Zerrissenheit. Der Satz "Ja, was ist denn sexuelle Anziehung?" ist schön philosophisch.

    Biologisch gesehen ist es das von der Natur entwickelte Mittel um Arten vor dem Aussterben zu bewahren und neues Lebens zu schaffen. Die Ausprägung davon ist unterschiedlich stark bzw. schwach. Manche Menschen sind in der Lage ihren Trieb mit Verstand zu deckeln und andere werden von ihrem Sexualtrieb übermannt und geben der Natur nach.

    Psychologisch, und hier spreche ich aus meiner Erfahrung, wirkt ein Mensch für mich in dem Moment sexuell anziehend, in dem er bestimmte Kriterien erfüllt, die mir gefallen. Das geht nicht nur von visuellen Reizen, sondern auch über Duft und Klang der Stimme aus. Ob man jemand sexuell anziehend findet oder nicht ist ein rein subjektives Empfinden.

    Bei zwischenmenschlichen Beziehungen ist Sex zu allem bisher genannten noch ein Ausdruck der Liebe. Sex zu haben ist vermutlich eine Mischung aus gesellschaftlicher Konvention und dem körperlichen Ausdruck des tiefsten Gefühls der Zuneigung, dass man für einen anderen Menschen haben kann: Der Liebe.

    Asexualität ist nicht selten und nicht schlimm. Es wünschen sich viele eine "platonische Beziehung" und es gibt sogar Datingseiten für asexuelle Menschen.

    Meine Frage wäre: Ab wann ist es für dich Sex? Es gibt für mich nicht mal im Ansatz Schwarz und Weiß in dieser Frage. Das "intime Miteinander" ist für mich auf die ein oder andere Weise immer eine Art sexueller Akt. Dies muss nicht bis zum Geschlechtsverkehr führen um sexuell zu sein.

    Keine Lust zu kuscheln? Keine Lust in den Arm genommen zu werden? Keine Lust mal ungestylt neben einem Menschen im Bett aufzuwachen, der dich in deinem verletzlichsten Moment ansieht und dir sagt, dass er dich liebt? Romantisch irgendwo schmusen und sich küssen?

    Weißt du ich habe es nie auf Sex angelegt aber irgendwann ging es halt über das sogenannte "petting" hinaus - vollautomatisch. Sie wollte es und ich wollte es. Es ist kein Pflicht oder gar verpönt, wenn man es nicht machen möchte.

    Ich sehe Sex nicht als animalisch, weil bei Menschen mehr dahinter steckt als nur die Weitergabe der Gene. Es macht Spaß, fühlt sich großartig an und löst Glücksgefühle in einem aus. Das Vertrauen was man gibt und bekommt ist enorm. Ich habe Sex, weil meine Freundin und ich das so wollen und unserer Liebe auch damit Ausdruck verleihen. Dafür gibt es keine Absprachen, Zeitrhytmen oder gar Termine. Nein. Es passiert einfach und es ist wunderschön.

    Sex gehört in einer natürlichen Beziehung einfach dazu. Er ist für viele deshalb nicht grundlos die schönste NEBENSACHE der Welt

    ABER: Wenn du es nicht möchtest und nicht den Drang danach verspürst es zu tun, dann solltest du es auch unbedingt lassen und dich nicht dazu zwingen, nur weil du Angst hast etwas verpassen zu können. :)
     
  2. "Regentropfen"

    "Regentropfen" Benutzer

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    Auch ich habe deinen Beitrag komplett gelesen.
    Ich habe alles verstanden und ich werde auch noch ausführlicher Antworten.
    Es tut mir so leid und es bestürzt mich sehr wie heftig du von Diesel angegriffen worden bist.
    Das hast du nicht, absolut nicht verdient.
    Kein anderer Mensch, der etwas in ein Forum schreibt, sein Inneres in Worte verfasst und sich öffnet, hat einen solchen Angriff wie du es hier im Forum erlebt hast verdient!
    Ich kann sehr gut verstehen das du um eine Löschung gebeten hast.
    Deine Worte sind sehr gut geschrieben und es ist schade das du als erstes auf diesen "Deppen" gestoßen bist.
    Schauen wir mal weiter, wir werden sehen...
     
  3. Verwandlerin

    Verwandlerin Benutzer

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    Vielen Dank für deine Antwort!
    Es ist wirklich das Beste, man übergeht den ersten Teil des Threads, das habe ich mir jetzt auch selbst angewöhnt. ':)

    Würdest du dann sagen, dass eine sexuelle Anziehung eher an den Fortpflanzungstrieb des Menschen gekoppelt ist, und der quasi "reagiert", wenn man einen Menschen sieht, der sich durch bestimmte als positiv angesehenen Merkmale auszeichnet?
    Ich versuche meist romantische und sexuelle Anziehung zu unterscheiden. Denn romantische kann ich verspüren, sexuelle vermutlich nicht, weil ich nur erahnen kann, wie es sich anfühlen könnte.

    Ich habe gewisse Vorlieben bei Menschen, auch von der Art, wie sie sind, auch Eigenschaften, die meine Aufmerksamkeit wortwörtlich erregen, aber ich wehre mich innerlich gegen die Vorstellung, ich müsste dann in der Situation wirklich mit jemandem Sex haben, den ich mir rein in der Phantasie als anziehend vorgestellt habe.

    Danke für deine persönlichen Blick auf die Sache, wahrscheinlich ist es hauptsächlich ein Ausdruck von Liebe.. Für die meisten.

    Naja, also bei mir beginnt das Gefühl des Unangenehmen sobald man in Richtung der Geschlechtsbereiche und dem vollständigen nackt sein kommt. Das wird mir dann zu viel und ich würde mich gern aus dem Raum stehlen und verschwinden. ':)
    Also beginnt Sex für mich gewissermaßen auch beim Berühren der Geschlechtsteile, bzw wirklichen Akt.
    Mit allem, was vor diesem Akt kommt, habe ich eigentlich kein Problem. Weswegen ich auch vermute, dass es einfach nur Scham sein könnte, wobei bei mir auch rein theoretisch Punkte dagegen sprechen.

    Ich fühle mich halt irgendwie von mir selbst daran gehindert. Durch was auch immer.
    Und ich könnte zwar asexuell leben und es wäre auch in Einklang mit meinen zeitweiligen Gedanken zum Thema, aber ich will diesen Weg in gewisser Weise nicht gehen.
    Weil ich spüre, dass da ein Hindernis in mir ist, und das überwunden werden könnte.

    Aber wie?
    Und ist es das wert?

    Glaube mir, ich würde gern meine eigene jetzige Meinung nicht verstehen können und kopfschüttelnd als Besucher die Seite verlassen und Sex mit meinem/e Partner/in haben. Aber bis dahin scheint es ein so langer Weg. Der am Ende glückbringend sein könnte...



    .....


    Liebe Grüße,

    F
     
  4. Verwandlerin

    Verwandlerin Benutzer

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    Danke für deine Rückmeldung,
    ich habe teilweise dran geglaubt, ich sei wirklich irre geworden. ':)
    Naja, ich versuche das Ganze einfach auszublenden, wir waren wohl beide etwas schlimm drauf. :)
    Aber wenn man sich aus dem Weg geht, wird es hoffentlich kein Problem mehr sein.

    Liebe Grüße,
    F
     
  5. Diesel

    Diesel Erfahrener Benutzer

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    Regentropfen, wenn ich dich Deppen nenne kannst du mich auch so Nennen, ansonsten wirst du deine Lehre schon wieder Bekommen! Ausserdem habe ich nicht anderes Geschrieben als Misterio nur er hat es besser Formuliert! Regentropfen was willst du weiter sehen, nach einem Jahr tauchst du wieder auf und schon geht es wieder Los?
     
  6. Diesel

    Diesel Erfahrener Benutzer

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    Misterio hat das selbe Geschrieben wie ich, Warum kam bei mir eine Veräppelte antwort, das weißt du selber nicht, oder?
     
  7. Diesel

    Diesel Erfahrener Benutzer

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    Das du wieder Aufgetaucht bist, steckt einer von "Kinder der Nacht " dahinter!
     
  8. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

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    Liebe »Verwandlerin«,
    liebe »F.«!

    In der Tat, da hast Du einen »etwas längeren Text« geschrieben, wie Du einleitend angemerkt hast. Reich und tief ist er geworden. Und er birgt in sich viele Momente von großer Ehrlichkeit in der Auseinandersetzung mit Dir selbst ‒ und mit dem, was Dir auf der Seele lastet.

    Nun schreibe ich schon viele Jahre hier im Forum, und doch passiert doch noch immer etwas Neues: Ich kann mich nicht entsinnen ‒ zumindest nicht entsinnen, auf so eindrückliche Weise ‒ schon einmal das Schlüsselwort des ganzen Eintrags sofort im ersten Wort bereits des Titels genannt gesehen zu haben. Genau das ist aber bei Dir der Fall. Worum es in Deiner Beschreibung geht, ist tatsächlich: »Scham«. Von all den Problemen, die uns begegnen können im Laufe unseres Lebens, gehört dieses Gefühl zu den schwierigsten, kompliziertesten und auch am stärksten belastenden ‒ nicht zuletzt deshalb, weil Situationen der Scham uns in so tiefe Einsamkeit zu stürzen vermögen. Denn ist nicht dieses schlimmste Gefühl: nichts anderes mehr zu wollen, als nur noch vor den anderen und vor sich selbst davonlaufen zu wollen, nur noch weg von allen und allem, ‒ jedoch zu wissen, dass es kein Entrinnen gibt? Ist es nicht wie nackt zu sein, sei es vor den Augen aller oder auch vor den Augen nur eines einzigen anderen Menschen? Scham, das ist so nahe dran, so eng verbunden mit Deinem Satz: Es gibt so viel »Entblößtsein«. Doch dazu später, etwas weiter unten.

    Normalerweise, so hat es sich bewährt, schreibe ich sozusagen am Text »entlang«, also gerade so in der Reihenfolge, wie der Eintrag, auf den ich antworte, auch selbst strukturiert ist. Heute aber weiche ich davon ab; ich überspringe jetzt ein paar Deiner Absätze und steige in Deinen Brief ein bei jener Stelle, die mit dem Satz »Ich habe mir eine Partnerschaft immer wie eine reine, weiße Oberfläche vorgestellt« beginnt. Er ist außerordentlich wichtig!

    Ich gebe gerne zu, dass ich überrascht war von der zunächst einmal ungewöhnlich anmutenden Wahl Deiner Vergleiche mit Partnerschaft: »eine reine weiße Oberfläche«. »Eine weiße Wand«. »Reinheit«. »Unbeflecktheit«. Sie beschreiben Dein Empfinden ja nahezu unübertrefflich gut. Lass mich ein paar eigene Worte finden, die gut dazu passen: »licht« (als Adjektiv). »Makellos«. »Untadelig«. (Das Wort lässt mich an dieses kleine Chorstück von Anton Bruckner denken, sein »Locus iste«, das er einmal für eine Kirchweih geschrieben hat; dort heißt es in dem lateinischen Text über den Ort, an dem sie steht, die Kirche: »Irreprehensibilis ist ‒ er ist untadelig«, also: »würdig«.) »Sauber«. Auch das so sehr altmodisch anmutende »keusch« gehört ganz gewiss in diesen Kreis. Wenn all das »Partnerschaft« beschreibt, dann ist sie beschrieben mit: unüberbietbar und in jedem Momente (!) friedlich, harmonisch, rücksichtsvoll, leise, schwebend, hoch und ideal. Und wenn dann der Akt an sich als prinzipiell »oberflächlich, abstoßend, in gewisser Weise ekelhaft« eingeschätzt oder sogar wahrgenommen und erlebt wird, dann sind die beiden in der Tat kaum miteinander vereinbar. Denn dann hat alle Sexualität ja nichts Warmes, Liebevolles, unglaublich Zärtliches, Vertrauensvolles, nichts Bejahendes und nichts Jubelndes der Seele, ‒ sondern im Grunde genommen nur Zerstörerisches, vor dem man nur Reißaus nehmen, fliehen kann, um sich hoffentlich zu retten! Wovor aber fliehen wir? Vor dem, was uns Angst macht. Die Angst ist stets Schwester, ja geradezu die Zwillingsschwester der Scham, und kaum jemals trifft man die eine an, ohne dass sie die andere Hand hält. Es kostet ganz gewiss ein nicht Geringes an Mut, diesen Gedanken an das eigene Leben heranzulassen. Und doch will ich Dir die Frage nicht vorenthalten, und ich stelle sie auch ganz leise: Was, liebe »Verwandlerin«, macht Dir Angst beim Gedanken an eine aktive Sexualität?

    Du hast recht: Viele Philosophen haben die »Unterteilung von höherer und niedrigerer Lust« vorgenommen. Wir »verdanken« diese Unterteilung des Menschen in den »niedrigen« Leib und die »hohe« unsterbliche Seele der griechischen Philosophie, der die frühen christlichen Kirchenväter in genau diesem Punkte dann noch einen ganz eigenen »Dreh« verliehen haben. Es ist aber dies ein Riss, eine »Zerrissenheit«, ganz so, wie Du es selbst gesagt hast, der der vielfach bis heute durch unser ganzes Leben geht. Und es will scheinen, dass wir erst dann den Frieden unseres Herzens finden können, wenn die beiden vermeintlich so entgegengesetzten Sphären des so genannten Hohen und des so genannten Niedrigen mit- und ineinander leben. Wir haben zu entdecken, dass sie eines sind, das »Hohe« und das »Niedrige«, das Geistig-Seelische und das Körperliche, aufeinander ver- und angewiesen, ‒ und dass sie nur gemeinsam das Herz des Menschen und seine Sehnsucht nach Erfüllung zu stillen vermögen.

    Nächster Absatz (ich habe mir Deinen Text für einen bessren Überblick selbst neu gegliedert, und in dieser Neugliederung ist das jetzt der Beginn des nächsten Absatzes): »Und eben diese Tiefen, diese scheinbare Wesentlichkeit, Wichtigkeit, Ewigkeit fehlt mir bei (der Vorstellung von) Sex. Es ist so unfassbar oberflächlich. Und das stößt mich ab.« Es gibt gewiss einen Grund, weshalb Du das so wahrnimmst, und es wird von ganz zentraler Wichtigkeit sein, diesem Grund auf die Spur zu kommen. Das kann und wird nicht hier und jetzt gelingen, ganz gewiss nicht. Und so will ich mich damit begnügen, für einen kleinen Anfang einmal den entgegengesetzten Pol der Wahrnehmung aufzuzeigen, nämlich die herzensgesättigte Hochschätzung der geschlechtlichen Liebe, der Vereinigung. Das will ich aber nicht selbst tun; ein anderer hat dafür unerreicht schöne und ergreifende Worte gefunden, nämlich der islamische Liebestheoretiker Ibn Hazm al-Andalusî (* 994 Cordoba), dessen Worte, deren Ungenügen er selbst eingesteht, nun schon über tausend Jahre alt sind:


    Nicht wahr? Wie anders klingen die Worte aus dem Munde dieses gelehrten Arabers doch, wie von einem anderen Stern! Reichen sie nicht an die Ewigkeit heran? Fallen sie nicht sanft wie Schneeflocken auf den tiefsten, empfindlichsten Grund unseres Herzens? Und wenngleich die Worte letztlich doch nicht reichen, die Höhe und die Tiefe des seelisch-sexuellen Glückes zu beschreiben, wie der Dichter selbst es sagt, so existiert es doch gleichwohl, und es ist alles andere als unerreichbar. Es ist real erfahrbar und keine Utopie, bereit, sich jedem Mann und jeder Frau mitzuteilen und zu schenken, im Leben eines jeden Menschen. Und sie zeigen sehr eindrücklich, dass es tatsächlich etwas zu »verpassen« gibt. Oder, etwas sublimer ausgedrückt: dass eine wesentliche Dimension unseres Menschseins unentwickelt, ungelebt bleibt, wenn wir uns die / der Geschlechtlichkeit versagen.

    Weiter. »Wieso sollte man Sex haben wollen, wenn man stattdessen ein ergreifendes Stück von Schubert oder Chopin hören könnte?« Die Frage ist gut, liebe F., sehr gut sogar. Und ohne den Verlauf Deines Lebens zu kennen, nehme ich doch an, dass sie sich ganz logisch und konsequent daraus ergibt. Und Du hast Dir da mit Schubert und Chopin, sei es unwillkürlich oder wohlüberlegt, schließlich zwei der Besten ausgesucht! Nehmen wir Schubert: Vielleicht hast Du Dich von seiner so unsagbar leicht beschwingten Fünften verzaubern lassen, Dich verstanden fühlen können in den Abgründen der »Unvollendeten«. Vielleicht hast Du Dich ergreifen lassen vom Andante des großen Es-Dur-Trios op. 100, das jedes Mal aufs Neue Trost zu spenden vermag all jenen, die da »mühselig und beladen« sind, Wärme schenkt in aller Einsamkeit. Und wer wollte in all den über 600 Liedern etwa nicht in jeder Seelenlage eines finden können, das die Lage des eigenen Herzens auf das Genaueste wiederzugeben imstande wäre?

    Deine Frage ist nicht zuletzt deshalb »so gut«, wie ich gerade eben sagte, weil sie deutlich macht, worum es in der Kunst genauso geht wie im Kontakt mit den Menschen: Keine andere Sehnsucht in uns ist stärker als die, verstanden zu werden. Und es ganz gewiss kein Zufall, dass Du Dir die Musik als Belgleiterin und Seelenfreundin ausgesucht hast. Denn keine ihrer Schwestern in der Kunst, in der Tat, ist der Lage, uns in einer ähnlichen Tiefe anzutreffen, anzusprechen und zu berühren, wie sie es vermag, so flüchtig sie auch immer sei, kaum erklungen, schon verhallt. Unter den Künsten ist keine, die uns gleichermaßen jubeln, mitreißen und uns andererseits zu Tränen zu rühren vermag, denn keine andere vermag es in vergleichbarer Weise, unser Innerstes nach außen zu kehren und zum Vorschein zu bringen, mit anderen Worten: uns (selbst) zu zeigen, wer und wie wir sind.
     
  9. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

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    »Bei Sex habe ich immer nur das Bild gieriger animalischer, menschlicher Triebwesen vor Augen.«

    Warum ist das so? Woher kommt das? Es ist einer der ganz zentralen Sätze in Deinem Eintrag; fast bin ich versucht, ihn einen »Schlüsselsatz« zu nennen. Es ist alles anderes als sicher, dass wir dieser Deiner reflexhaften gewalttätigen Assoziation mit Sexualität hier auf die Spur kommen können. Aber das nimmt ihr nichts von ihrer Berechtigung, ja nimmt ihr vielmehr nichts von ihrer Dringlichkeit! Der nackte Trieb, in der Tat, führt mit Leichtigkeit zu Zerstörung. Er braucht, damit seine Schönheit erfahrbar wird, ganz unbedingt die Beteiligung des Herzens, der Seele ‒ auf beiden Seiten. Und die Zähmung der Heftigkeit des Triebes, die Kultivierung der Zärtlichkeit, die wir zu lernen haben, ist eine der grundlegenden Entwicklungsaufgaben unseres Lebens.

    »Es ist so viel Körperliches, was einerseits meinen Gedanken an die Oberflächlichkeit unterstützt, andererseits eben die Scham... Es gibt so viel ›Entblößtsein‹. Und das ist der weitere Punkt.«

    Das, allerdings, ist wahr! Entblößung und, als Ergebnis: Nacktheit. Körperlich und auch seelisch. Wenn wir nackt sind, können wir uns nicht mehr verbergen. Wenn wir nackt sind, legen wir alle Schutzschilde und alle Masken ab. Wenn wir nackt sind, können wir nicht mehr lügen. Ob uns der Gedanke daran aber vor Angst und Schreck erstarren lässt oder ob er uns zur Wonne gereicht, hängt von dem Verhältnis ab, das wir zu uns selbst und zu unserem eigenen Körper als Mann oder als Frau haben, also davon, wie gut wir uns selbst bejahen können, und davon, wie sehr unser Gegenüber uns als ganzheitlichen Menschen wahrnehmen kann, wie aufmerksam und liebevoll-differenziert. Mit welchen Augen schaut der andere mich in meiner Nacktheit an? Voller Freude und Respekt? Kann ich die Sehnsucht in seinen Augen schimmern sehen ‒ und bin ich in seinem Blick geborgen? Oder verschlingt er mich mit seinen Blicken, fühle ich mich gedemütigt und habe Angst, wenn er die Hand nach mir ausstreckt? ‒ Die Entscheidung, ob Entblößen und Nacktheit mich entweder mit Angst und Scham oder mit Freude und Wonne erfüllen, entscheidet sich in ihrem Grundcharakter meist sehr früh in unserem Leben.

    Zum Schluss schlage ich einmal den Bogen zurück zu den Worten Deines ersten Absatzes in Deinem großen Eintrag: »… und kennt einen Ausweg. Wie überwindet man Scham?« Ja, es stimmt, und ich denke, ich verstehe Dich sehr gut: Was könnte denn besser ‒ im Sinne von: entlastender, schneller hilfreich ‒ sein, als einen Ausweg zu nehmen, den ein anderer bereits erfolgreich gegangen ist? Und je größer die Not ist, desto stärker, heftiger wird der Wunsch danach. Es gilt aber auch: Je größer eine wahre Not des Herzens und der Seele ist, desto eindeutiger ist eine wirkliche Hilfe nur in der Tiefe des eigenen Lebens und des eigenen Ichs zu finden. Das heißt nicht, dass nur Du allein die Antwort kennen kannst und entdecken musst, und das bedeutet folglich genauso wenig, dass Du mit allen diesen Deinen Gedanken und Gefühlen allein und auf Dich gestellt bleiben musst. Mindestens zwei Schritte hast Du ja schon getan: Du hast mit Deiner Mutter gesprochen und nun hast Du (mindestens) auch hier im Forum geschrieben. Und Du hast Dich hier im Forum gemeldet. (Wenn ich recht darüber nachdenke, würde ich gerne etwas mehr über das Gespräch mit Deiner Mutter und seinen Verlauf erfahren.) Darauf wird alles ankommen: sich einen Weg zu bahnen aus der Einsamkeit und Isolation, sprechen zu lernen über das, was so unaussprechlich zu sein scheint und seelisch blockiert. ‒

    Jetzt habe ich noch eine andere Frage: Wie ist es gekommen, dass Du genau diesen Nickname für dieses Forum hier ausgesucht hast, »Verwandlerin«? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du wirklich den erstbesten genommen hättest, der Dir in den Sinn gekommen ist. Du musst nachgedacht haben darüber, und ich wüsste gerne, auf welche Art er vielleicht mit Deinem Problem, vielleicht sogar ja mit Deinem Leben insgesamt, in Verbindung steht, was davon er widerspiegelt und was er daher für Dich bedeutet.

    Du wirst bemerkt haben, dass ich durchaus nicht auf alle Themen und Gedanken Deines Eintrags etwas zurückgeschrieben habe. das Heißt nicht, dass ich sie nicht bemerkt hätte. Ich denke, so ist es gut für den Moment, und wenn ‒ und wann immer ‒ Du möchtest, kannst Du dieses oder jenes noch einmal ins Spiel bringen. ‒ Soweit einmal für’s Erste? Da Du ja noch ganz frisch angemeldet bist, hier noch der rein technische Hinweis, dass Du natürlich in jedem Moment frei entscheiden kannst, ob Du lieber hier im Forum oder lieber über PN antworten möchtest.


    Viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim