Depressiv, erkenne mich aber in anderen depressiven nicht wieder.

Dieses Thema im Forum "Depression, Sinnkrise, Unzufriedenheit" wurde erstellt von KSero, 7 September 2019.

  1. KSero

    KSero Neuer Benutzer

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    7 September 2019
    Beiträge:
    3
    Hallo liebes Forum!

    Ich, M 29, bin schon immer sehr lethargisch gewesen, ohne Interessen und werde immer depressiver.
    Seit Jahren bin ich in verschiedenen Therapien, die aber nichts nützen.

    Nachdem ich mich lange mit dem Thema beschäftigt habe, habe ich festgestellt, dass mein Fall ganz anders ist als der anderer depressiver Menschen. Ich bin überhaupt noch nie auf eine Fallstudie, Forumspost oder sonst irgendetwas gestoßen, was meiner Situation nahe kommt.

    Seit der Kindheit bin ich lustlos und fühle mich die ganze Zeit scheiße.
    Hobbies habe ich nie gehabt, auch keine Freunde oder Beziehungen.
    Das einzige was ich habe ist mein Job. Der macht mir zwar auch keinen Spaß aber er lenkt wenigstens von den eigenen Gedanken ab.

    Wenn ich die Geschichten anderer depressiver, interesseloser Menschen lese sind die ganz anders.
    Das sind meistens ganz normale glückliche Menschen, die dann etwas sehr schlimmes erlebt haben und dann in Depressionen verfallen.
    Ich nenne mal ein Beispiel von einem Bekannten der Familie.
    Diese Person ist in meinem Alter, hat viele Hobbies, reist viel, ist seit Jahren in einer Beziehung und hat viele Freunde. Die Person studiert seit Jahren, hat aber wegen schwerer Prüfungsangst bisher kaum Fortschritte gemacht und leidet darunter, empfand sich als Versager und wurde depressiv.
    Die Person hat erzählt, die Therapie hätte geholfen, Prüfungsangst zu überwinden und sich in (objektiv) schlechten Zeiten mehr auf die positiven Dinge zu fokussieren und Studium einfach Studium sein zu lassen.

    Dem gegenüber stehe ich:
    Gefühlsmäßig komplett leer und kahl. Arbeiten ist einfach für mich. Ich gehe einfach hin, und tue meine Arbeit.
    Hobbies: keine. Interessen: keine. Sozialleben: keins.
    Unter Menschen zu sein ist für kurze Zeit auch einfach und ich bin nicht unbeliebt. Aber ich bin innerlich eben komplett leer und kann das schwer über längere Zeit verstecken, was Mimik und Körpersprache angeht.
    Mein Leben ist nicht schlimm, das weiß ich selbst, es ist nur eben kein Bisschen gut. Es fühlt sich einfach nur taub an, außer, dass mir immer mal wieder bewusst wird, dass das Leben einfach an mir vorbei zieht. Das tut dann schon weh. Obwohl ich noch nicht einmal 30 bin, wird mir immer stärker bewusst, dass ich irgendwann sterbe und ich kann den Gedanken im Alltag kaum noch ausblenden.

    Wenn ich zum Therapeuten gehe, dann merke ich, er hat ein vorgefertigtes Bild von depressiven in seinem Kopf, ungefähr das der oben genannten Person. Seine Ratschläge sind also: Überwindung von Ängsten, Fokussierung auf Positives usw.
    Ich habe keine Ängste und ich empfinde keine Freude. Das hilft mir alles nicht weiter.

    Was ich brauche, ist sowas wie ein Erfahungsbericht von jemandem, der ist wie ich und diese Störung am Besten irgendwie überwunden hat.
    Ich finde aber so etwas gar nicht und ich frage mich warum.
    Bin ich der einzige? Das glaube ich nicht. Berichten andere einfach nicht über ihre Probleme?
    Gibt es diese Menschen und sie können nicht darüber berichten weil sie in der Geschlossenen sind oder was anderes?
     
  2. kathi

    kathi Benutzer

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    hallo ksero,
    leider hast du recht dass Therapeuten oft ein vorgefertigtes bild von depressiven haben. es gibt solche und solche. nicht alle schlecht. aber vielleicht hast du einfach noch nicht den richtigen gefunden. der dir wirklich helfen kann.
    ich glaube aber du bist nicht der einzige mit deiner depressions art, aber ich könnte mir vorstellen, dass andere das nicht wahrhaben wollen, dass sie auch so sind. jeder will doch irgendwie normal sein.
    das mit deinen Interessen kann man sicher ändern. man geht etwas neues wie einen Job an und vielleicht lernt man mit der zeit spaß daran zu finden.
    dein sozialleben ist nicht so einfach zu füllen. vielleicht fängst du mit einem Tier ( Katze?) an. dann hat man redestoff und lernt so auch neue leute kennen. ausprobieren schadet doch nicht, oder?
    viele grüße
     
  3. Stranger

    Stranger Benutzer

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    Hey KSero

    Ich hab mich in deinem Beitrag praktisch 1 zu 1 wiedererkannt.
    Mir geht es auch genau gleich seit Kindesalter.
    Früher hatte ich auch noch mehr Freunde und war viel lebensfrohe und offener, aber das ist mit den Jahren immer weniger geworden.
    Sogar die Freude an meinen Hobbies habe ich grösstenteils verloren.
    Man möchte so viel ändern, doch schafft man es seit Jahren nicht. Jeden Tag mit dieser Maske auf um die innere Leere zu verstecken. Die Menschen um einen herum all die Jahre entwickeln sich weiter, doch man selbst bleibt immer am selben Punkt stehen. Zu tief drin ist man schon und mit der Zeit wird alles nur noch aussichtsloser und die Gedanken rasen immer mehr. Ein Leben in der Blase, darauf wartend bis sie eines Tages platzt.
    Ich glaube du empfindest das alles auch so wie ich, wenn ich das richtig einschätze.
    Ich würde gerne mehr über deine Geschichte erfahren. Vielleicht gibt es da ja Parallelen. Finde es echt interessant das jemand das mal so beschreibt wie ich mich auch fühle.
     
  4. KSero

    KSero Neuer Benutzer

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    Vielen Dank für die Antworten!

    Leider kann ich nicht viel mehr über mich berichten.

    Als mir klar wurde, dass mein Leben in eine falsche Richtung läuft habe ich versucht gegenzusteuern, so wie kathi es mir auch geraten hat. Neue Sachen ausprobieren, vielleicht gefällt ja was davon.
    Tat es nicht. Also Therapien gestartet, mehrere Therapeuten und Ansätze, die ganz Palette von Psychopharmaka versucht. Nichts hat geholfen.

    2 Dinge beschäftigen mich zur Zeit:
    Erstens lerne ich langsam mit meinen Stimmungsschwankungen umzugehen.
    Phasenweise bin ich völlig am Ende. Es geht mir so schlecht, dass ich mich auf nichts konzentrieren kann und mich zu nichts aufraffen kann. Gleichzeitig fühle ich mich wie unter Strom und komme nicht zur Ruhe.
    In solchen Phasen bin ich sehr dünnhäutig und quäle mich, weil mir mein ganzes scheiß Leben mit seinen Tiefenpunkten vor dem inneren Auge vorbeizieht.
    Dann habe ich wieder Phasen, so wie jetzt, wo ich eine riesige Distanz habe zu Allem, zu Gutem wie Schlechtem. Ich habe das Glück, dass meine Arbeit mir erlaubt, mein Pensum selbst einzuteilen und so kann ich diese Phasen nutzen, in denen ich konzentriert arbeiten kann.
    Eine der wenigen Sachen, die die Therapie gebracht hat: Ich habe gelernt, dass es für das Gehirn schwere Arbeit ist, Glück oder Unglück zu empfinden. Man kann sich, von schweren Hirnstörungen abgesehen, nicht sehr lange nur gut oder nur schlecht fühlen. Das Gehirn erschöpft. Und genau so fühlt es sich auch an. Ich fühle mich nicht schlecht, jetzt im Moment. Eher ausgebrannt und leer, als könnte ich mich gar nicht schlecht fühlen, auch wenn es angebracht wäre. Natürlich möchte ich mich lieber leer und damit entspannt fühlen als extrem schlecht. Gleichzeitig frage ich mich deshalb, ob ich in den depressiven Phasen die Welt vielleicht realistischer sehe.
    Zweitens hinterfrage ich denn Sinn hinter meinen Bemühungen ein normales Leben zu führen.
    Ich gehe in die Therapie, lerne soziale Kompetenz wie Bücherwissen, in der selben Zeit haben sich gesunde Menschen mit dem neuen Mitarbeiter angefreundet, 20 WhatApp-Kontakte gepflegt, waren auf 2 oder 3 Parties usw. Ich stresse mich um mindestens 3 mal in der Woche ein von mir selbst aufgezwungenes Hobby zu betreiben, gesunde Menschen nutzen ihr Hobby um vom Alltagsstress runterzukommen, den ich auch noch bewältigen muss. Jeder kleine Schritt vorwärts bringt mich gefühlt 3 Schritte rückwärts weil sich die Welt um mich so schnell bewegt.

    Mit fällt wenig ein, was ich über meine "Geschichte" erzählen könnte.
    Schon als Kind war ich sehr verschroben. War viel schlecht gelaunt und ein Einzelgänger. Allerdings habe ich mich selber als in Ordnung empfunden. Natürlich wurde ich wegen meines Verhaltens viel gehänselt. Lehrer und auch teilweise meine Eltern haben das mitbekommen und mir die Standardsprüche aufgedrückt. "Einfach drüberstehen" und "Leute machen andere Leute klein um sich selber groß zu fühlen". Ich in meiner Verschrobenheit habe ich dann die Meinung entwickelt, Apathie und gehänselt werden wären Zeichen für gute Entwicklung, alle Menschen mit Hobbies sind Menschen mit Komplexen, die sie zu verstecken versuchen. Irgendwann ist mir dann relativ plötzlich klar geworden, nein, ich bin der Freak, mein Leben läuft verkehrt, ich muss etwas ändern. Dann habe ich ziemlich schnell die Therapien angefangen.
    Das wäre das Einzige was es noch zu sagen gibt.
    Ich würde aber gerne mehr über dich erfahren Stranger, besonders, wo du Parallelen siehst und wo Unterschiede und ob du es geschafft hast, irgendwie Fortschritte zu erzielen.
     
  5. Stranger

    Stranger Benutzer

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    Bei mir gibt es viele Parallelen was du erzählst, aber auch Dinge die bei mir anders gelaufen sind.
    Ich war kein Einzelgänger als Kind, aber dennoch eher ruhig und zurückhaltend aber trotzdem aufgeweckt und mit vielen Hobbies.
    Ich hatte auch eine echt gute Kindheit. Aber irgendwie im Alter von 12-13 Jahren ist es gekippt und ich fing an eine innere Leere zu fühlen und ich fing an alles in Frage zu stellen. Ich hatte Konzentrationsschwierigkeiten, ADS wurde bei mir erst viel später diagnostiziert. Ab 14-15 fing ich an vor mir selber zu flüchten und fand Erlösung in Alkohol und Drogen. Harte Drogen kamen aber erst nach dem 20. Lebensjahr in mein Leben.
    Aufgrund meines Drogenkonsums bekam ich immer mehr psychische Probleme (Angststörung, leichte Schizophrenie). Bin aber nun seit seit über 2 Jahren clean nur phasenweiser hoher Alkoholkonsum. War auch lange in Therapie, aber außer meine Sucht zu therapieren, hat es mir nichts gebracht, auch die Medikamente nicht. Nehme deswegen auch keine mehr und bin auch nicht mehr in Therapie, aber will evtl. wieder beginnen.
    Meine Lethargie und die depressiven Phasen werden mit den Jahren immer mehr. Ich habe einen Job, ich bin in einer Beziehung. Eigentlich habe ich alles, trotzdem geht es mir nicht gut.
    Nach aussen zeige ich das aber nicht, ich habe gelernt mich immer hinter einer Maske zu verstecken. Fortschritte habe ich die Jahre nicht wirklich gemacht, außer das ich jetzt wirklich clean bin und in dem Bezug auch stabil.

    Wie sieht das bei dir aus, hast du guten Kontakt zu deiner Familie?
    Da du nichts davon erwähnt hast, nehme ich an dass es bei dir keine Drogenvergangenheit gibt, oder liege ich da falsch?
    Fällt es dir auch schwer freundschaftliche Kontakte zu pflegen?
    Wie sieht es bei dir mit Beziehungen aus?
     
  6. KSero

    KSero Neuer Benutzer

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    Der Kontakt zu meiner Familie ist locker aber unproblematisch.
    Eine Drogenvergangenheit habe ich nicht. Dies und das habe ich ausprobiert, auch mit dem Hintergedanken, aus diesem kranken Zustand zu flüchten, so wie du. Das hat bei mir zu keinen Suchproblemen geführt, ich habe kein Bedürfnis nach Alkohol oder anderen Substanzen, die ich bisher probiert habe. Harte Drogen habe ich nie genommen, dafür fehlen mir die Kontakte.
    Ich hatte noch nie eine Beziehung.

    Zu Freundschaften ist mir etwas aufgefallen:
    Wie gesagt, kurze oberflächliche Kontakte machen mir keine Schwierigkeiten, Freunde habe ich trotzdem keine. Klar, ich habe versucht, mit Menschen engeren Kontakt aufzubauen und hatte auch sehr persönliche Gespräche und gemeinsame Unternehmungen. In meinem Kopf ändert das aber mein Verhältnis zu diesen Personen nicht, gefühlsmäßig. Ich habe schon mit Leuten sehr engen Kontakt gehabt und am nächsten Tag wieder nur im Vorbeigehen gegrüßt. Vom Gefühl her bleiben Menschen für mich Fremde, als würde ich ihnen gerade zum ersten Mal begegnen.
    Dass ich keine Freunde habe liegt aber nicht nur daran, sondern hauptsächlich daran, dass mir Gesprächsthemen/gemeinsame Interessen fehlen.

    Ich weiß gar nicht, ob ich eine Leere fühle. Ich weiß, dass ich leer bin aus dem Vergleich mit meinen Mitmenschen. Wenn ich nicht Scham für meinen Zustand empfinden würde, wäre ich gar nicht so unglücklich, denke ich. Trotzdem kann es nicht so weitergehen. Ich merke wie mich meine Kälte langfristig zermürbt und kaputt macht, denn ich erbringe ja trotzdem meine Leistung, ohne dafür gefühlte Belohnung zu bekommen oder in Aussicht zu haben.
    Eigentlich weiß ich, dass das Leben so wie ich es für mich geplant habe, für mich gar nicht funktionieren kann, aber ich weiß auch nicht, was ich sonst für ein Leben führen könnte/sollte. Ich weiß gar nicht, was es überhaupt für Lebensentwürfe gibt, abgesehen von 0815-Job-Haus-Auto.

    Dann lese ich wieder Geschichten, zum Beispiel hier im Forum, von Menschen die wirklich schlimme Schicksalsschläge hinter sich haben und frage mich, worüber ich mich eigentlich beschwere. Es heitert mich aber nicht auf, dass es Menschen gibt, die es viel schlechter haben. Das macht mich nur noch mehr fertig, weil ich erstens sehr viel Mitgefühl für leidende Menschen aufbringen kann und zweitens weil ich weiß, dass mich solche Dinge auch noch erwischen könnten. Besonders in meinen schlechten Phasen kann ich das beides nur sehr schlecht ausblenden.