"Geht's noch?"

Dieses Thema im Forum "Kummer, Sorgen, Probleme" wurde erstellt von Erdnussriegel, 19 September 2019.

  1. Hallo Leute, ähm... wie fange ich denn da am Besten an? Das wird voll der Roman :'D
    Naja, also das Hauptproblem ist eigentlich, dass mein Vater meinen Geschwistern und mir keine Privatsphäre lässt, uns das Gefühl gibt dass er uns nicht vertrauen kann und er eine dauerhafte Kontrolle über uns haben will. Auch meine Mutter scheint davon betroffen zu sein, bei ihr weiß ich's aber nicht hundertprozentig, weil sie es nur manchmal erwähnt. Meine Familie besteht aus meiner Mom, meinem Dad, meiner Schwester (18), meinem Bruder (10) und mir (19).
    Mein Vater hat eigentlich schon immer geschaut, was wir machen. Ob's im Internet ist oder daheim, wenn wir z.B. einfach am Schreibtisch sitzen. Wenn wir raus möchten (etwas mit Freunden unternehmen, in die Stadt einkäufe erledigen, etc.) heißt es: "Wohin geht ihr? Mit wem geht ihr? Wieso geht ihr? Was macht ihr?". Wenn wir etwas mit Freunden unternehmen kommt zusätzlich auch noch die Handynummer, falls wir nicht ans Handy rangehen, dann kann er die anrufen. Wenn wir mit dem Auto weiter als 50km wegfahren möchten, kommt erstmal tagelanges Warten auf eine Antwort und wenn wir Glück haben ein "Ist gut" bei dem man klar und deutlich raushört, dass er am liebsten "nein" gesagt hätte, hätte meine Mom nicht wieder mit ihm gesprochen. Im Winter heißt es: "Sobald es dunkel ist, seid ihr daheim", im Sommer dürfen wir bis maximal 22 Uhr raus.
    Als ich damals noch Tagebücher schrieb hat er sie dauerhaft gelesen, bis ich's rausgefunden habe und damit aufgehört habe. Jetzt hat er den Spaß an mein und meine Schwester ihr Handy zu gehen und unsere Dateien zu durchsuchen (bei mir zur Zeit auch nicht mehr, weil ich das Passwort geändert habe).
    Dabei verstehe ich überhaupt nicht wieso er das Ganze macht? Wir haben ihm noch nie wirklich Probleme bereitet, weder in der Pubertät noch jetzt. Wieso glaubt er, dass wir sofort schwanger nach Hause kommen, wenn er uns nicht so behandelt? Wir sind die letzten Personen, die auf so eine Idee kommen würden. Meine Schwester und ich studieren beide, haben beide gute Noten, helfen daheim ohne großartig zu murren, wieso macht er das?
    Meine Schwester kommt nach meiner Mom und ist eine sehr gutherzige Person, was mein Paps irgendwie ausnutzt. Er frägt sie über mich (z.B. was ich getan habe, als er auf der Arbeit war), versucht sie bei Entscheidungen in seine Richtung zu lenken ("Ja also das ist halt soundsoundso. Und ich fände das besser, weil soundsoundso. Aber das musst DU entscheiden") und weil sie ihm so gut "gehorcht" behandelt er sie besser als meinen Bruder und mich.
    Ich hatte vor ein paar Wochen einen Streit mit ihm und weil er etwas gesagt hatte, was man normalerweise nicht zu jemandem sagt, wollte ich nicht mit ihm reden, weil's mir unangenehm war. Auf jedenfall dachte er, ich ignoriere ihn und dass ich denken würde er sei nicht mehr mein Vater etc. Er hat dann gemeint "Wieso soll ich dich dann noch finanzieren, wenn du mich ignorierst?" und hat nach und nach Sachen von mir weggenommen bis ich nachgebe. An sich fand ich das nicht schlimm, soll er mir die Sachen halt wegnehmen. Mich hat es jedoch schockiert, dass er die ganze Zeit so kaltherzig war. Ich hab mich gefühlt, als wäre ich gar nicht seine Tochter, sondern einfach ein Wesen, dass er auf die Welt gesetzt hat damit ich ihn später finanziere oder ein "Unfall" oder sowas ähnliches. Und anscheinend fühle nicht nur ich mich so, sondern auch mein Bruder.
    Ich hab mich auf jedenfall schon darauf gefasst gemacht rausgeworfen zu werden, als er dann aber aufgehört hat und meinte, wir sollen reden. Haben wir dann auch und jetzt ist wieder alles beim Alten. Das Problem ist halt, jedesmal wenn wir etwas gegen ihn sagen oder ihn auf etwas hinweisen, was uns nicht passt, wird er gleich gereizt. Das letzte Mal war es als wir ihm gesagt hat er soll vorsichtiger fahren, weil er sich auf alles Konzentriert aber nicht auf die Straße und er so ein Unfall bauen könnte. Wir durften den Rest laufen, bzw. unsere Mutter hat uns dann irgendwann mit dem Auto aufgegabelt.
    Aber mal ernsthaft? Was soll man denn dagegen machen? Logisch, die Meisten würden jetzt wahrscheinlich sagen: "Redet mal mit ihm", aber wie gesagt, er ist ein Sturkopf und recht schnell reizbar. Vor allem denkt er halt, dass er immer im Recht ist. Ich will ihn nicht schlecht reden. Er hat einen sehr guten Beschützerinstinkt, ist sehr Zielorientiert und auch jede Menge Talente um die ihn andere bestimmt beneiden. Und ich versteh auch sehr gut, dass er sich wahrscheinlich einfach nur sorgt. Aber manchmal, da denken wir uns einfach alle: "Geht's noch?" (uuund Titel gefunden xD).
    Eigentlich voll dumm von mir, das hier zu posten, weil er das sicherlich liest, aber vielleicht ist das auch gut so. Dann kann er etwas nachdenken und weiß, wie wir uns fühlen. Hoffentlich...
     
  2. Diesel

    Diesel Erfahrener Benutzer

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    376
    Hi Erdnussriegel,als Elternteil machst du dir immer Sorgen um deine Kinder, ob sie nun 10 oder 30jahre alt sind und du siehst die Kinder mit 19 nicht wircklich als Erwachsen an! Weiter hat man selbst viele Fehler gemacht in seiner Jugend, wo man jetzt seine Kinder davor Bewahren möchte. Meine Töchter sind 33 und 35 und gebe ihnen immer noch meinen Senf zu, ob sie es Beherzigen oder nicht, weiß ich nicht, habe aber das bestmögliche für sie getan um sie vor Schaden zu bewahren! Meine Töchter sind mit 27 Ausgezogen und erkannten die Vorzüge erst dann, wenn der Kühlschrank immer voll war, die Getränke immer da waren, die Wäsche immer Gewaschen und Gebügelt wurde usw.! Aber trotzdem Vermisse ich sie, da sie meine Mädchen waren/sind! Es geht aber im sozialen Gefüge, ob es in der Familie ist oder im Leben, nicht ohne Privatphäre! Jeder braucht seinen Rückzugsraum, ob Kind oder Elternteil und jeder muss den dem anderen Geben! Die übertriebene Fürsorge deines Vaters könnte sogar Krankhaft sein, würde mit ihm mal über eine Therapie sprechen. Ansonsten, wirst du, solange du zu Hause wohnst, besser den Kopf einziehen müssen als er, den so blöd wie es sich Anhört, "wer Zahlt ist der Chef"! Würde mit ihm Reden event. Therapie und wenn sich nichts Ändert, über Auszug nachdenken! Viel Glück in deonem Leben.
     
  3. Achim

    Achim Sehr erfahrener Benutzer

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    Liebe(r) Erdnussriegel!

    Man muss wohl nicht einmal besonders phantasiebegabt sein, um sich vorzustellen, dass die Kontrollsucht Deines Vaters eine große Belastung für Euer ganzes Familienleben ist. Keinen Schutzraum zu haben, immer gewärtig sein zu müssen, dass gesehen, gefragt, überprüft, ja überwacht wird bis in das Privateste, Intimste (wie Dein Tagebuch), das nimmt einem ja regelrecht den Atem. Und gewiss ehrt es Dich nur umso mehr, dass Du am Ende Deines Eintrags andererseits sogar auch seine Vorzüge noch andeuten kannst.

    Aber es bleibt wohl dabei: Leben, Euch entfalten, in Ruhe, das könnt Ihr angesichts eines solchen Verhaltens seitens Eures Vaters nicht. Und das gilt Eure Mutter ganz zweifellos genauso wie für Euch Kinder. Und es bleibt die Frage bestehen, was Ihr tun könnt, damit der Familienfriede möglichst wieder hergestellt werden kann. Und diese Frage ist umso drängender, als Du am Ende ja beschrieben hast, dass es im Grunde genommen nicht möglich ist, mit ihm zu sprechen und ihn allein dadurch zum Nachdenken und zu einer Verhaltensänderung zu bewegen: Alle Eure bisherigen Bemühungen sind an ihm abgeglitten oder abgeprallt. Also noch einmal: Was, fast buchstäblich um des Himmels willen, kann man denn tun?

    Ich denke, dass Du vom Grundsatz her mit Deinem Eintrag hier die prinzipielle Schwierigkeit richtig erkannt hast: dass dieses Problem sich kaum mit euren familiären »Bordmitteln« beheben lassen können wird, sondern andere helfen müssen, reinweg aus Erfahrung. Und zwar Erwachsene ‒ und zwar solche, die nicht zu Eurer Familie gehören. Du hast Dich mit Deinem Eintrag ja hier sozusagen an »die Welt da draußen« gewandt, und das halte ich also für sehr richtig von Dir. Der kleine Nachteil ist, dass wir hier insofern noch nicht die Richtigen sind; wir sind ja nur »virtuell« und nicht vor Ort. Und von uns hat natürlich auch niemand die Befugnis, irgendetwas in Bewegung zu setzen.

    Das Wichtigste ist, dass das Schweigen aufgehoben wird und dass Ihr Euch in Eurer Situation also nicht allein und auch nicht alleingelassen fühlen müsst. Daher denke ich, dass sich leichter etwas erreichen lässt, wenn Ihr nicht länger mehr einfach nur ertragen wollt, was zuhause geschieht, sondern etwas dafür tun möchtet, dass Euer Leben auch wirklich wieder »Leben« heißen kann. Es müsste also tatsächlich jemand mit einbezogen werden, und das Beste wird sein, einmal jemandem davon zu berichten, dem Du vertraust. Vielleicht gehst Du ja noch zur Schule. Und sich an einen Vertrauenslehrer zu wenden, könnte zum Beispiel eine gute Möglichkeit sein. Vielleicht fällt Dir aber ja noch jemand ganz anderes ein? Du kannst ja mal im Kopfe durchgehen, wen Du so alles kennst. Und vor allem kannst Du Dich ja mit Deinen Geschwistern besprechen, insbesondere mit Deiner Schwester, und gemeinsam, zusammen überlegen, wer da vielleicht in Frage kommen könnte. Was meinst Du?


    Jetzt erst einmal viele liebe Mutmach-Grüße!
    Achim