Unfähigkeit

Dieses Thema im Forum "Arbeitswelt" wurde erstellt von sentinell, 22 September 2019.

  1. sentinell

    sentinell Neuer Benutzer

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    22 September 2019
    Beiträge:
    2
    Hallo,

    Entschuldigt bitte vorab die drastische Formulierung meines Postingtitels, aber ich glaube der Titel trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf.

    Vorab zu mir
    Ich hab ursprünglich Koch gelernt, weil ich damals nicht mehr in die Schule gehen wollte und der Lehrberuf für mich eine willkommene Ausrede war die Schule abzubrechen. Nach kurzer Zeit bin ich drauf gekommen, dass das kein Beruf für mich ist. Viel Arbeit, wenig Freizeit und das Geld war auch nicht berauschend. Dazu kam, dass ich auch nicht das Gefühl hatte, besonders gut in diesem Beruf zu sein. Entsprechend negativ war auch das Feedback meiner Kollegen und Chefs.
    Deswegen hab ich nach dem Grundwehrdienst viele verschiedene Jobs durchprobiert und hab mich dann schlussendlich vor 6 Jahren dazu entschlossen via Abendschule die HTL-Matura (Informatik) nachzuholen.

    Auch in der Schule war ich richtig schlecht. Ich hab mich bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich für einen sehr intelligenten Menschen gehalten, aber erst dort wurde mir bewusst wie "Dumm" ich eigentlich bin. Ich beziehe Dumm jetzt gar nicht auf Allgemeinbildung, sondern auf die Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu verstehen.

    Mathe beispielsweise hab ich richtig ge-sucht-et und war trotzdem richtig schlecht. Selbst nach monate langem lernen und viel Fleiß hab ich gerade einmal nur die nötigsten Aufgaben beherrscht. Irgendwie hätte mir damals schon irgendwie klar werden sollen dass mir die geistige Kapazität fehlte. Ich hab oft negatives Feedback von Lehrern und Mitschülern erhalten. Viel verletzender als die Worte waren die Blicke der anderen, aus denen ich lesen konnte "jetzt hat macht der das schon wieder falsch".

    Um die ganze Vorgeschichte etwas zu kürzen: "Mit viel durchschummeln und Mitleid meiner Lehrer hab ichs geschafft".
    Danach habe ich nun endlich als Programmierer zu arbeiten begonnen. Dadurch ich vor der Abenschule schon gern programmiert habe, konnte ich leicht bei Vorstellungsgesprächen überzeugen und hatte sofort eine Anstellung.

    Soweit so gut, nur dann gings erst richtig berg ab. Ich hab die komplexen Vorgänge im Code oft gar nicht verstanden. Anfangs hab ich mir das ganze damit klein geredet, dass doch alles neu ist und ich halt etwas Zeit brauche.

    Nun ist es aber so, dass ich zwar viel gelernt habe (auch neben den Beruf hab ich mich regelmäßig weitergebildet), aber immer noch an den einfachsten Tätigkeiten scheitere. Aus Angst, dass andere Leute merken würden, dass ich eigentlich nur ein Blender bin, hab ich nun Arbeitsstelle gewechselt.

    Irgendwie hab ich mir auch erhofft, dass der alte Arbeitgeber etwas mitschuld ist, weil ich ja auch nie so eine richtige Einschulung bekommen habe.

    Jetzt beim neuen Arbeitgeber, hab ich aber gar keine Ausreden mehr. Die Einschulung war Top, meine Ansprechpartner unglaublich hilfsbereit und trotzdem bekomme ich nichts hin.
    Ich arbeite derzeit an einer User Story - welche auf 3 - 5 Tage geschätzt wurde - morgen den 11. Tag. Der Entwicklungsleiter versucht sich verständnissvoll zu zeigen und meinte noch, dass - wenn die User Story wirklich noch den ganzen Sprint dauern soll - es auch kein Problem darstellen soll.
    Da hat er aber wirklich sehr weit ausgeholt. Ich glaub auch nicht wirklich, dass er jemals gedacht hat, dass ich wirklich solange brauchen werde. Nun scheint es so als würde ich selbst die Deadline nicht halten können.

    Ich bekomme schon richtig Angst davor morgen in die Arbeit zu gehen und wieder zu scheitern.

    Vor allem aber bekomm ich richtig Angst einfach unfähig für den Beruf zu sein. Einfach immer viel zu lange zu brauchen und dann unbrauchbare Software abzuliefern die dann viel zu viele - oft komplett offensichtliche - Fehler hat.

    Vor allem häufen sich die Anzeichen schon, dass ich für den Beruf nicht geschaffen bin.
    Ich hab einige Vorstellungsgespräche gehabt und ein seidener Faden zieht sich durch alle Vorstellungsgespräche. Sobald es einen Aufnahmetest gibt, brauch ich viel zu lange, versteh oft komplexe Aufgabenstellungen gar nicht und mach zu viele Fehler. Ganz schlechte Voraussetzungen für einen Programmierer.

    Deswegen bekam ich dann meist die Anstellung nicht. Mein Vorteil ist wirklich nur, dass ich gut reden kann.
    Das ist oft die schlimmste Reaktion, wenn ich vorher im Vorstellungsgespräch voll gepunktet habe, der Test dann ca 1 Stunde dauert und ich nach 3 Stunden erst die Hälfte fertig habe.

    Einmal bin ich solange in einem Meeting Raum gesessen, dass die komplett vergessen haben, dass ich noch im Raum bin als ich den Test abgegeben habe. Das war mir sowas von peinlich.

    Mittlerweile bin ich zu Einsicht gekommen, dass der Job vielleicht wirklich nichts für mich ist. Jetzt hab ich aber wieder 6 Jahre meines Lebens darin investiert. Mich macht der Gedanke fertig, schon wieder von Vorne zu beginnen. Ich werde dieses Jahr 31! Ich will endlich eine Familie gründen und "sesshaft" werden.

    Immer wenn ich mit Leuten darüber rede, dann spielen die das Thema runter. Man nimmt schon wahr dass ich mir schwer tu, aber niemand ist sich über dessen Ausmaß wirklich bewusst.